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KREUZLINGEN: Er setzt auf den Macron-Effekt

Beim Lunch mit Jörg Stehrenberger: Die TZ hat den unkonventionellsten der Kandidaten fürs Stadtpräsidium zum Mittagessen im «St.Gallerhof» getroffen. Er bleibt auch danach vor allem eines: schwierig einzuordnen.
Urs Brüschweiler
Jörg Stehrenberger isst Schnitzel mit Pommes frites und Cocktailsauce. (Bild: Reto Martin)

Jörg Stehrenberger isst Schnitzel mit Pommes frites und Cocktailsauce. (Bild: Reto Martin)

Urs Brüschweiler

urs.brueschweiler@thurgauerzeitung.ch

Jörg Stehrenberger sitzt in der Beiz und plaudert mit einigen Stammgästen. Er hat sich den «St.Gallerhof» an der Bahnhofstrasse für das Gespräch mit den Journalisten ausgesucht. Ihn, wie die anderen Kandidaten fürs Stadtpräsidium, bei der Arbeit zu treffen und dort gleich ein paar Stimmen von Mitarbeitern abzuholen, ergab sich bei ihm nicht. Er arbeite als Dozent für Recht und Wirtschaft bei einer höheren Fachschule und habe als Selbstständiger noch Beratungsmandate. Das ergebe ein 50-Prozent-Pensum. Der Rest sei Freizeit. Am Nachmittag wolle er denn auch gleich die Theorieprüfung für das Gleitschirm-Brevet machen, erzählt er später.

Statt einer Einschätzung durch Mitarbeiter erhält Stehrenberger wohlwollende Worte vom Wirt des Lokals. 15 Jahre kennen sich die beiden bereits. Er habe ihm einmal aus der Patsche geholfen, sagt der Chef des «St. Gallerhofs». «Einen wie ihn braucht Kreuzlingen», wirbt er für Jörg Stehreberger. Das Interview am Mittagstisch mit dem künftigen «Stapi Stehrenberger» hält er auf einem Handy-Foto fest. Der Pressebesuch ist ein Ereignis in der Gaststube.

Es gibt noch anderes als die Classe politique

«Mir gefällt der «St. Gallerhof». Es ist eine traditionelle Beiz und die Wände haben keine Ohren», erzählt der 53-jährige Kandidat. «Hier reden die Leute, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.» Stehrenberger kennt die Gäste, die hier ein und aus gehen. «Hier wird auch über Politik diskutiert.» Nicht nur die «Classe politique» mache sich Gedanken über die Zukunft von Kreuzlingen. Er würde denn auch einen Stammtisch für Bürger anregen, wenn er Stadtpräsident sei. Jedes mal in einem anderen Restaurant. Dann kämen auch jene zu Wort, die sonst nicht so gehört werden.

Jörg Stehrenberger bestellt Schnipo, ohne in die Karte zu schauen. Pommes könne er sich zu Hause eben nicht machen. «Natürlich bin ich der Kontrapunkt im Wahlkampf», greift er eine Frage aus dem Wahlpodium auf. Er müsse auch nicht die eintönigen Aussagen der anderen Kandidaten nachbeten. Ein aufwändiger Wahlkampf sei rausgeschmissenes Geld, sagt er. «Man muss nicht mit der Kavallerie auffahren.» Doch werde auch er noch Plakate aufhängen, er habe sie aber wegen einer Panne zu spät erhalten. Den Einwurf, dass es dafür mittlerweile schon viel zu spät sei, lässt er nicht gelten. «Man muss sich auf die Unentschlossenen fokussieren, jene die noch nicht gewählt haben.»

Aufgewachsen ist Jörg Stehrenberger in Rickenbach bei Wil. Seine emotionale Heimat sei aber das Ferienhaus in Kesswil gewesen. Im Kanton Aargau versuchte er sein Glück mit einer Anwaltskanzlei. Doch er sei nicht in den «Teig» hineingekommen. Also kehrte er nach Kreuzlingen zurück, baute hier ein Haus. In der Einliegerwohnung betrieb er eine Kanzlei. Es folgte ein Bruch im Privatleben. Stehrenberger ist geschieden, mit seinen fünf Kindern habe er seit Jahren keinen Kontakt mehr. Ein Zustand, der ihm nahe geht. Folgen der gescheiterten Ehe waren Schulden und der Verlust seiner Anwaltszulassung vor Gericht. «Ich gehe davon aus, dass das im zweiten Wahlgang zum Thema würde», prophezeit er. Aber mit einem schelmischen Lachen erzählt er auch, dass er dadurch der billigste Stadtpräsident wäre, weil sein Lohn verrechnet werden könnte.

Jörg Stehrenberger meint es ernst mit seiner Kandidatur, sagt er. Er glaubt an seine Chance, obwohl er der klare Aussenseiter ist im Rennen. «Im zweiten Wahlgang gewinne ich, dank des Macron-Effekts», sagt er in Anlehnung an den Präsidenten Frankreichs. Dann falle nämlich die Parteidisziplin weg. «Kreuzlingen will etwas anderes.»

Durch seine Bildung – «Ich habe schon fast alles studiert» – sei er prädestiniert für das Amt. Und er habe keine Lobby, müsse niemandem gefallen. Er bringt auch neue Ideen: Das Kulturzentrum sähe er im Bahnhof Bernrain. Eine Haltestelle für Fernbusse in Kreuzlingen regt er an. Die Häfen müsste man heute fit machen, wenn künftig nur noch Elektroboote auf den See dürften.

Er antwortet selten das, was man erwarten würde

Jörg Stehrenberger ist zweifellos der Unberechenbarste im Kandidatenfeld. Seinen Gedankengängen zu folgen ist nicht immer einfach. Was ihn antreibt, bleibt etwas nebulös. Fragen beantwortet Jörg Stehrenberger offen, aber meistens anders, als es das Gegenüber erwartet. Da und dort tun sich aber auch mal Widersprüche in seinen Aussagen auf. Am Ende bleibt bei seinen Gesprächspartnern auch ein Stück Ratlosigkeit.

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