KREUZLINGEN: Endlich mal wieder lachen

Im Dreispitz fand die traditionelle Weihnachtsfeier für Asylsuchende statt. 105 Menschen aus verschiedenen Ländern, Religionen und Kulturen assen und tanzten zusammen.

Désirée Müller
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Der aus Marokko stammende Musiker Hassan Elayoubi unterhält die Asylsuchenden. (Bild: Andrea Stalder)

Der aus Marokko stammende Musiker Hassan Elayoubi unterhält die Asylsuchenden. (Bild: Andrea Stalder)

Désirée Müller

kreuzlingen

@thurgauerzeitung.ch

Die Polonaise wird immer länger. Sie schlängelt sich durch die langen Tische und endet schliesslich auf der Bühne. Dort geht die Party weiter. Die freiwilligen Helfer kommen dazu, tanzen, lachen und klatschen. Ein wunderbares Bild. «Im Camp denken wir ununterbrochen daran, was gerade in Syrien passiert. Heute Abend können wir das erste Mal wieder lächeln», erzählt die 18-jährige Haddar Jossef.

Ihre Mutter und ihre jüngeren Geschwister sitzen am vordersten Tisch, ganz nah bei der Bühne. Sie wippen zu den orientalischen Klängen des marokkanischen Sängers Hassan Elayoubi. «Bei uns zu Hause feiern wir ganz traditionell Weihnachten. Mit Geschenken und einem Weihnachtsbaum. Es ist schön, dass wir auch auf der Flucht nicht darauf verzichten müssen», meint die Schülerin dankbar.

Irgendwie sind alle Freunde

Ermöglicht haben den Abend die Seelsorgerinnen und Seelsorger des Empfangs- und Verfahrenszentrums in Zusammenarbeit mit der Stadt. Andreas Wüest steht am Rand des Saals und beobachtet das Schauspiel. Der Kreuzlinger Sekundarlehrer verbrachte die letzten zehn Wochen im EVZ und half den Asylsuchenden, erste Sätze Deutsch zu lernen. «Meine Zeit dort war sehr lehrreich und unvergesslich», erzählt der Lehrer.

Er konnte auch einige Erfolge feiern. «Ein junger Afghane wollte schnellstmöglichst Deutsch lernen und saugte alles in sich auf. Nach einem Monat konnte er kommunizieren», ist Wüest immer noch begeistert. Die Weihnachtsfeier ist für ihn der Abschluss von sechs intensiven Wochen, umgeben von Geschichten und Schicksalen. So wie dieses von Omar Abdiwasa aus Äthiopien. Der bald 15-Jährige spricht mit seinen neuen Kollegen aus dem Camp, geniesst dazu die musikalische Unterhaltung und freut sich über Mandarinen und Kuchen zum Dessert. «Es gefällt mir sehr gut hier. Ich habe neue Freunde und sogar eine Freundin gefunden», sagt der Schüler und lächelt verlegen. Er spricht fliessend deutsch. «Vor Kreuzlingen verbrachte ich sechs Monate in einem deutschen Camp. Dort durfte ich jeden Tag in die Schule», erzählt er. In Äthiopien ging er in eine religiös eingestellte Schule. Im Camp spielen Religionen keine Rolle mehr, erzählt er. Ibrahima Diallo aus Guinea, einem Land in Westafrika, kann dem nur zustimmen. «Wir sind alle Brüder», sagt er und zieht seinen neuen Freund Steven Yuimo, einen Christen, zu sich und klopft ihm auf die Schulter. «No problem brother, no problem», wiederholt der Moslem immer wieder.

Zum Schluss ein Weihnachtsgeschenk

Ein paar Minuten später stehen auch die jungen Männer auf der Bühne und zeigen ihr tänzerisches Talent. Sie heben die Arme hoch und motivieren ihre Kollegen an den Tischen, sich zu ihnen zu gesellen. Jeder Neuankömmling wird mit lauten Jubelrufen empfangen. Susanne Elayoubi schaut dem Ganzen zu. «Das ist mein Mann», sagt sie und zeigt auf den Musiker. «Zum achten Mal unterhält er die Asylsuchenden an ihrer Weihnachtsfeier», weiss sie. Sie selbst ist als freiwillige Helferin da. Neben ihr stehen rund 25 andere Freiwillige im Einsatz. Unter anderem fünf Lehrpersonen und mehrere Studentinnen der Pädagogischen Hochschule. Während die Erwachsenen singen und tanzen, spielen sie im Foyer mit den Kindern, die begeistert mit kleinen Velos aus der Kreuzlinger Ludothek rumflitzen.

Hanspeter Rissi ist Seelsorger beim EVZ und behält bei der Feier den Überblick. «105 Asylsuchende haben sich für die Feier angemeldet», weiss er. Das Unterhaltungsprogramm wie auch die Menuplanung ist bei Menschen mit verschiedenen kulturellen und religiösen Hintergründen eine Herausforderung. Der Kompromiss war Riz Casimir mit Poulet, ein neutral dekorierter Saal, traditionelle Klänge von den Thurgauer Spielleuten, den musikalischen Grüssen aus Marokko und einer Mixed CD, auf der möglichst jede Musikrichtung berücksichtigt wurde. «Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir die Feier veranstalten. Daher wissen wir in etwa, was gut ankommt», sagt Rissi.

Zum Abschluss der Feier werden die Geschenke ausgeteilt. Jeder der Gäste erhält einen von Thurgauerinnen und Thurgauern gestrickten Schal, schön verpackt in Weihnachtspapier. Dazu gibt es für jeden Einzelnen die besten Wünsche für die Festtage und vor allem für das neue Jahr.