KREUZLINGEN: Der Vermittler

Beim Lunch mit Thomas Niederberger: Die TZ hat den Stadtschreiber, der Stadtpräsident werden will, bei der Arbeit abgeholt und während des Essens ausgehorcht. Über seinen Job, seine Hobbys und seine Auffassung von Politik.

Urs Brüschweiler
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Pizza Ciao Ciao mit Tomaten, Mozzarella, Schinken, Champions, Peperoni und Ei. Thomas Niederberger pfeffert im Restaurant Ciao Ciao am Kreuzlinger Boulevard sein Mittagessen. (Bild: Donato Caspari)

Pizza Ciao Ciao mit Tomaten, Mozzarella, Schinken, Champions, Peperoni und Ei. Thomas Niederberger pfeffert im Restaurant Ciao Ciao am Kreuzlinger Boulevard sein Mittagessen. (Bild: Donato Caspari)

Urs Brüschweiler

urs.brueschweiler@thurgauerzeitung.ch

«Grüezi Herr Niederberger.» Der Stadtschreiber wird mit Namen begrüsst in der Pizzeria Ciao Ciao am Boulevard. Nicht, weil er hier jeden Tag zum Essen erscheint, sondern weil man ihn kennt und schätzt. Normalerweise isst er am Mittag zu Hause. «Da ich abends viel unterwegs bin, ist es mir wichtig, dass wir als Familie gemeinsam zu Mittag essen können.» Dass er ein gefragter Mann ist, merkt man tatsächlich schon auf dem Weg vom Stadthaus zum Restaurant. Thomas Niederberger wird mehrfach gegrüsst oder angesprochen. Amt und Person verschwimmen bei ihm. Den Hut des Stadtschreibers nimmt er mit, wenn er das Büro verlässt. Er könnte Privat und Beruf nicht strikt trennen, auch wenn er das wollte.

Mit seiner zuvorkommenden, bodenständigen und humorvollen Art kommt der 47-jährige Familienvater gut an bei seinen Wegbegleitern. Als Abteilungsleiter hat er 15 Mitarbeiter unter sich. Eine von ihnen ist Silke Stöhr, seit zwei Jahren Projektkoordinatorin bei der Stadt. «Er ist immer ansprechbar und nimmt sich die Zeit, wenn man etwas besprechen möchte», erzählt sie. «Bei Diskussionen erlebe ich ihn als Sparringpartner.» Niederberger habe auch stets ein offenes Ohr für neue Ideen. Ob er denn auch mal laut werden könne, wenn es hektisch werde? «Darauf warte ich heute noch», sagt Silke Stöhr und lacht. «Wenn er im Stress ist, werden seine Antworten höchstens etwas prägnanter und zielorientierter.»

Sachlich und argumentativ

«Ich komme anders an mein Ziel. Dazu muss ich niemanden anlärmen», erklärt der Stadtpräsidentenkandidat später beim Mittagessen, während er auf die bestellte Pizza wartet. «Ich sehe den Grund nicht, wieso ich im beruflichen Alltag wütend werden muss.» Emotionen gehören für ihn eher zum Fussball. Seiner Durchsetzungsfähigkeit tue dies aber bestimmt keinen Abbruch. Mit der Unterstellung, er sei zu nett, kann Niederberger sowieso nichts anfangen. Hart, klar, offen und vermittelnd, das seien seine Handlungsmaximen. Und das sei auch das, was Kreuzlingen brauche. Jemanden, der die Leute an einen Tisch bringt. Polarisieren ist nicht seins.

Loyalität wird grossgeschrieben

Sechs Jahre ist Thomas Niederberger nun schon in Kreuzlingen. Gekommen ist er aus Romanshorn, wo der gebürtige St. Galler zwölf Jahre lang bereits dieselbe Funktion ausübte. Zum Verantwortungsbereich des Stadtschreibers gehören neben der Stadtkanzlei, die Einwohnerkontrolle, die Schlichtungsbehörde und das Bestattungsamt. Er kümmert sich um das Gastgewerbe, organisiert Abstimmungen und Wahlen, verfasst Baurechtsverträge und Botschaften für den Gemeinderat und einiges mehr. Dem Gemeinderat gegenüber sieht er sich als reiner Dienstleister, er pflege zu allen Fraktionen ein gutes Verhältnis. An den Sitzungen des Stadtrats nimmt er beratend teil. Niederberger legt in seinem heutigen Amt Wert auf politische Neutralität. Der Stadtschreiber will dafür sorgen, dass die Exekutive gute Entscheidungsgrundlagen erhält. Loyalität wird bei ihm grossgeschrieben. Kein schlechtes Wort über die Stadtregierung verlässt je seine Lippen. Im Gegenteil: «Wenn die Politiker in der Kritik stehen, hinterfrage ich mich auch selber. Das geht nicht spurlos an mir vorbei.» Als Stadtpräsident käme nun der Schritt vom Hintergrundgestalter an die Front. «Ich habe mir das gut überlegt. Es ist mir klar, dass der Wind dann anders pfeifen wird.»

Er habe wahnsinnig viel Erfahrung in der Verwaltung gesammelt, kenne alles Dossiers. Niederberger plant langfristig. Wenn er drei Amtsperioden als Stadtpräsident machen würde, wäre er 61 Jahre alt, rechnet er vor. «Ich will sicher mehrere Amtszeiten machen. Es braucht viel Zeit etwas zu verändern.» Obwohl der grosse Wille zur Veränderung der Stadt in seinem Wahlprogramm nicht erkennbar ist. «Den heute eingeschlagenen Weg unterstütze ich», sagt er. ­Revolutionäre neue Vorschläge macht er keine. «Zu wenige Projekte haben wir heute ja nicht.» Er will Prioritäten setzen und vor allen Dingen, Entscheide fällen und umsetzen. Er wolle etwas in Gang setzen und die Menschen zusammenbringen. Thomas Niederberger will das Rad nicht neu erfinden, er will es ölen. Heute noch parteilos, wird er sich bei einer Wahl einer Partei anschliessen. «Ich sehe mich klar in der bürgerlichen Mitte. Ich habe eine liberale Seite und eine soziale Ader.»

Viel gereist und den Horizont erweitert

Mit seiner Familie habe er die Kandidatur intensiv diskutiert. Seine Frau, die drei Söhne und die bereits verheiratete Tochter stehen hinter ihm. «Ich habe die Karten klar auf den Tisch gelegt. Sie wissen, was uns erwarten würde.» Die Familie hat für Thomas Niederberger einen hohen Stellenwert. Seit 16 Jahren ist er mit Rattana verheiratet. Dass seine Frau aus Thailand stammt, war nie ein Thema. Als junger Mann sei er schon viel gereist und habe gerne fremde Länder besucht. «Das hat meinen Horizont erweitert.» Seine Frau habe er aber im Übrigen in der Schweiz kennen gelernt.

Niederberger ist nicht nur ein Weltenbummler, er ist auch ein Vereinsmeier. Aktuell engagiert er sich bei den Kreuzlinger Städtepartnerschaften und präsidiert den Quartierverein Kurzrickenbach. «Ich habe eine wichtige Position bei der Stadt. Also sehe ich es auch als Pflicht, mich für die Gesellschaft zu engagieren.» Abgesehen davon mache ihm das auch Spass. Sportlich betätigt er sich im Turnverein und in der Männerriege. Im Fitnessstudio ist er ein oft gesehener Gast. «Früher machte ich Bergläufe, dann habe ich die Bewegung vernachlässigt. Letztes Jahre sagte ich mir: Jetzt ist Schluss mit lustig.» Zehn Kilo abgenommen hat er seither. «Es war nicht die Absicht dahinter, aber ich habe mich so auch fit gemacht fürs Amt», sagt er und lacht.