KREUZLINGEN: Der rebellische Sohn und sein strenger Vater

Vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen sind Eltern angeklagt. Der Vater soll einen Sohn schwer geschlagen, die Mutter nichts dagegen unternommen haben. Der Sohn ist bekannt für seine Lügen, sagt der Verteidiger. Die Familie hat noch immer einen starken Zusammenhalt.

Ida Sandl
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KREUZLINGEN. Der Vater hat den guten Anzug an. Zur Sache will er nichts sagen. «Ich bitte, mir keine solchen Fragen zu stellen», übersetzt die Dolmetscherin an die Adresse der Richter. «Es belastet mich zu sehr.»

Verlegene Gesichter

Der Vater stammt aus Irak, die Mutter auch. Jetzt leben sie irgendwo im Thurgau. Mit verlegenen Gesichtern huschen sie durch den Gang und in den Saal des Bezirksgerichts Kreuzlingen. Gesichter, die zeigen, dass sie nicht begreifen, warum sie hier sind.

Dreieinhalb Jahre ist es her, da soll der Vater seinen Sohn geschlagen und gewürgt haben. Als er auf dem Boden lag, habe er noch nach ihm getreten, heisst es in der Anklageschrift. Noch zwei andere Vorfälle sind beschrieben. Einmal sei er mit dem Hocker auf den damals 14-Jährigen losgegangen, ein anderes Mal habe er ihn in eine dunkle Kammer gesperrt. Die Mutter habe ihren Sohn nicht geschützt, darum ist auch sie angeklagt wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht.

Sie hätten den Sohn nicht geschlagen, beteuern die Eltern. Solche Gewalt würden sie dem Vater nicht zutrauen, sagen die älteren Geschwister. Allerdings lebten sie zu der Zeit nicht mehr daheim. Die 13jährige Schwester spricht von einer Ohrfeige. Der jüngste Sohn, damals acht Jahre alt, will gesehen haben, wie der Vater den Bruder schlug.

Für den Verteidiger des Vaters ist die Anklage ein tragischer Irrtum. Der Sohn leide unter ADHS. Ein Kind, das permanent seine Grenzen teste. Der Sohn sei bekannt für seine Lügen, sagt der Anwalt. Er habe die Geschichten erfunden, weil er weg wollte von den strengen Eltern. Nach der Anzeige sass der Vater 56 Tage in Untersuchungshaft. Ein Gutachten wurde erstellt. Darin steht, er sei freundlich und besonnen.

Wie glaubwürdig ist der Sohn?

Auch der Sohn wurde überprüft, es ging um seine Glaubwürdigkeit. «Eine Zurückweisung der Täuschungshypothese gelingt nicht», schreibt der Gutachter. Für den Verteidiger heisst das: «Es ist stark zu vermuten, dass er täuschen wollte.» Doch da sind die Fotos von Blutergüssen, der Abdruck eines Schlüssels auf der Haut. Das medizinische Gutachten kann nicht eindeutig beweisen, dass die Verletzungen von Schlägen stammen. «Er könnte sie sich selber zugefügt haben», gibt der Anwalt zu bedenken.

Der Sohn kam in eine Pflegefamilie. Mittlerweile ist er 18 und lebt mit seinem Bruder nahe der Eltern. Die Familie sei häufig zusammen, laut Eltern. Der Sohn hat eine Erklärung abgegeben, dass er an einer Verurteilung seiner Eltern kein Interesse habe.

Das Gericht bleibt deutlich unter dem Antrag der Staatsanwältin. Es spricht die Mutter frei und verurteilt den Vater wegen einfacher Körperverletzung und des mehrfachen Versuches zu einer bedingten Geldstrafe – Probezeit zwei Jahre. Hinzu kommt eine Busse von 1000 Franken, sie gilt jedoch durch die Untersuchungshaft als vollumfänglich geleistet. «Wir sind überzeugt, dass es zu gewissen Gewaltanwendungen gekommen ist», begründet der vorsitzende Richter Thomas Pleuler das Urteil. Die Bilder der Verletzungen, ein Teil der Aussagen des Sohnes und die der jüngeren Geschwister hätten zu diesem Schluss geführt.

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