KREUZLINGEN: Der Mitte-Mann mit sozialer Ader

Beim Lunch mit Ernst Zülle: Die TZ hat den CVP-Stadtrat, der gerne Stadtpräsident werden würde, auf der Bauverwaltung abgeholt und während des Essens ausgefragt. Über seine Person, die beiden Jobs und seine politischen Anliegen.

Nicole D’orazio
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Ernst Zülle bei der Vorspeise beim Zmittag im «Bären». (Bild: Reto Martin)

Ernst Zülle bei der Vorspeise beim Zmittag im «Bären». (Bild: Reto Martin)

Nicole D’Orazio

nicole.dorazio

@thurgauerzeitung.ch

«Mir gefällt hier die Architektur. Ich finde es spannend, wenn alte Bauten mit neuen Elementen verbunden werden. Und natürlich ist das Essen hier gut», sagt Ernst Zülle beim Mittagessen im «Bären» in Kreuzlingen, den er für den Lunch mit den Journalisten ausgewählt hat. Seine Wahl fällt auf Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln sowie einen Menusalat. Zu trinken bestellt er ein Shorley. «Ich esse eigentlich ziemlich alles, ausser Fast Food.» Eine Ausnahme macht er bei einem Kebab, sofern er mit Lammfleisch ist. «Sonst bin ich nicht heikel.»

Wenn er in Kreuzlingen arbeitet, er hat ein 60-Prozentpensum als Stadtrat Departement Bau, isst er mittags meistens zu Hause. «Ich geniesse es, mit der Familie am Tisch zu sitzen. Das ist schön und ich habe das vermisst», sagt der 57-Jährige. Denn seit 37 Jahren arbeitet er auswärts. Der gelernte Schreiner ist seit 1981 für die heutige Gewerkschaft Syna tätig. Seit 2004 ist er Zentralsekretär. Er ist zudem Präsident der Pensionskasse der Baumeister und gehört auch bei der FAR, der Stiftung für einen flexiblen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe, dem Stiftungsrat an. Seit seiner Wahl vor drei Jahren zum Stadtrat jongliert er mit den beiden Jobs und ist nicht ganz glücklich damit. Das Vollpensum als Stadtpräsident wäre für ihn eine gute Lösung. Das war einer der Gründe, warum er für die Wahl am 26. November kandidiert.

Er hilft nicht nur den Arbeitnehmern

Seine Tätigkeit für die Syna wird Zülle insbesondere von den Gewerblern und den Arbeitgebern in Kreuzlingen immer wieder vorgehalten. Er sei ein Linker, heisst es. «Das stimmt nicht. Ich sehe mich als Mittepolitiker», sagt der CVP-Mann. «Ich stehe für eine freie Marktwirtschaft ein, sofern sie sozial gerecht ist.» Und er vertrete nicht nur Arbeitnehmer, sondern auch Arbeitgeber. «Beide Seiten sind wichtig. Die Ausarbeitung von Gesamtarbeitsverträgen nützt beiden Parteien.» Und er helfe den Arbeitgebern dabei, dass der Markt funktioniere. «Öffentliche Aufträge gehen zum Beispiel nur an Firmen, die auf der ständigen Liste des Kantons Thurgau stehen. Das sind diejenigen, die die GAVs einhalten und somit faire Lohn-und Arbeitsbedingungen garantieren.»

Bei den Dossiers will er genau informiert sein

Auf der Bauverwaltung musste sich Zülle zuerst einarbeiten. Und tut es noch. «Er will bei den Dossiers immer alles gut erklärt haben und die Hintergründe kennen. Er fragt uns sehr viel, Gott sei Dank», sagt Heinz Theus, der Kreuzlinger Bauverwalter, und lacht. Er sei darüber sehr froh. Denn das ermögliche eine nachhaltige Zusammenarbeit. Antonio Sarno, Leiter Stadtplanung, stimmt Theus zu. Zülle bereite sich immer sehr gut vor und überzeuge mit seiner fachlichen Kenntnis. «Seit Ernst bei uns ist, wird viel mehr kommuniziert. Intern wie gegen aussen.»

Die beiden mögen ihren Chef und winden ihm ein Kränzchen. «Wir haben eine sehr gute Kultur auf der Bauverwaltung, eine positive Stimmung», erzählt Sarno. «Wir ziehen alle am gleichen Strick, und die Leute sind motiviert.» Das beweisen auch die regelmässigen Kinoabende in den Wintermonaten oder das Feierabendbier auf der Terrasse im Sommer. Sarno lobt Zülle als Arbeitstier. «Man erhält von ihm immer eine schnelle Antwort, auch zu unorthodoxen Zeiten.» Der Chef habe immer die gleiche angenehme Art, auch wenn er unter Druck stehe, meint Theus. «Wir diskutieren viel, streiten aber nie.» Zülle könne schon mal laut werden, «aber nur für die Sache.» Die beiden sähen ihn gerne als neuen Stadtpräsidenten. «Der einzige Haken dabei wäre, dass wir ihn abgeben müssten», sagt Theus.

Sollte er gewählt werden, würde Zülle dem Stadtrat vorschlagen, einen Teil der Stadtplanung vom Baudepartement zum Präsidium zu zügeln, wie er sagt. «Diese würde ich gerne weiterhin betreuen und sie würde gut zu den Aufgaben des Präsidenten passen.» In den letzten 20 Jahren habe man in Kreuzlingen viel geplant, nun kämen die Jahre der Umsetzung. Zülle traut sich das Amt des Stapis zu. Die Finanzen müssten im Lot bleiben. Man dürfe nicht verschwenderisch mit öffentlichen Geldern umgehen. «So wie jetzt auch», zählt er eines seiner politischen Kernthemen auf. Ein grosses Anliegen ist ihm preisgünstiges Wohnen. Indem die Stadt Land im Baurecht abgibt, möchte er Wohnbau-Genossenschaften fördern. «Leuten mit tiefem Einkommen soll so ein würdiges Leben ermöglicht werden, ohne dass sie aufs Sozialamt müssen.» Der dritte Punkt ist der Verkehr. «Wir müssen diesen innerstädtisch reduzieren. Mit der Förderung des ÖVs sowie der Situationsverbesserung für Fussgänger und Velofahrer.»

Sollte es mit der Wahl nicht klappen, würde Zülle nicht alles hinschmeissen. «Ich würde Stadtrat bleiben.» Er glaubt, dass er mit jedem neuen Chef klar- kommt. «Lieber wäre es mir natürlich, wenn für mich ein Nachfolger gesucht werden muss.»