KREUZLINGEN: Das Leid lässt sie nicht mehr los

Ruedi und Sylviane Anderegg haben ein Hilfswerk, das sich in der Ukraine engagiert, mitbetreut. Die beiden sind vom Bürgermeister von Lemberg für ihre wertvolle Arbeit ausgezeichnet worden.

Nicole D’orazio
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Ruedi und Sylviane Anderegg sitzen auf ihrem Sofa mit dem Ehrendokument und Ikonen aus der Ukraine. (Bild: Reto Martin)

Ruedi und Sylviane Anderegg sitzen auf ihrem Sofa mit dem Ehrendokument und Ikonen aus der Ukraine. (Bild: Reto Martin)

Nicole D’Orazio

nicole.dorazio@thurgauerzeitung.ch

Durch Zufall sind sie auf ihr Herzensprojekt gestossen: Ruedi und Sylviane Anderegg engagieren sich seit über zehn Jahren für Hilfsprojekte in der Westukraine, vor allem in Lemberg. «Ich habe im Triemli-Spital in Zürich gearbeitet und einen älteren Herrn gepflegt», erzählt sie. Der Mann war Jesuitenpater Robert Hotz, der das Hilfswerk Hilfsaktion Westukraine gegründet hat. Dessen Arbeit habe sie interessiert und auch ihr Mann konnte sich dafür begeistern. «2003 sind wir erstmals mit auf eine Projektreise in die Ukraine gegangen», erzählt sie. Mittlerweile haben sie das Land mehrfach bereist. «Wir haben viele unschöne Dinge und Leid gesehen.» Viele Kinder litten an Krebs oder würden mit Schäden geboren – noch immer als Folge der Atomkatastrophe von Tschernobyl von 1986.

Hilfe für Musikschule auf eigene Faust

Das Ehepaar hat sich danach für das Hilfswerk engagiert. Dieses hat in 30 Jahren rund 25 Millionen Franken in der Westukraine investiert, vor allem für den Aufbau und die Sanierung von Spitälern oder Schulen. Ruedi Anderegg kümmerte sich jahrelang als Vizepräsident um Finanzen und Fundraising. «Ich habe auch viel von der Organisation der Projekte übernommen. Das war teils sehr kompliziert und nahm viel Zeit in Anspruch», erzählt der 75-Jährige. Im Frühling und Herbst konnte er deswegen keine Ferien nehmen. Irgendwann wurde es ihm zu viel und er gab seine Aufgaben ab. «Wir blieben dem Hilfswerk aber treu.» Dieses sei mittlerweile leider kaum noch aktiv, da Hotz krank sei und sich nicht mehr engagieren könne. Die Projekte seien daher liegen geblieben. «2014 gingen wir auf Projektreise in die Ukraine. Es hatte sich nichts mehr getan bei den verschiedenen Baustellen», erzählt Ruedi Anderegg. Sie hätten sich die Musikschule Nummer fünf im Armenviertel angeschaut. Sie befand sich in einem traurigen Zustand. «Die Kinder übten im Winter dick eingepackt, weil es keine Heizung gab. Wenn es regnete, wurden Schirme aufgespannt, weil das Dach undicht war.» Die Renovation war 2010/11 auf halbem Weg stehen geblieben. Das habe sie sehr beschäftigt. «Wir besprachen uns mit Freunden und entschlossen uns, der Schule auf privater Basis zu helfen», sagt Sylviane Anderegg. Im Frühling 2015 wurde die Sanierung bereits abgeschlossen. «Das hat sich gelohnt. Lehrer und Schüler haben Freude, und der Unterricht ist gut.» So könne man Jugendliche beschäftigen und von der Strasse holen. «Wir konnten erst dieses Jahr hinfliegen und uns die Schule ansehen», sagt der Kreuzlinger. «Wir haben das mit meinem 75. Geburtstag verknüpft.» Es sei ein tolles Fest gewesen. «Als Dank für unser Engagement erhielten wir sogar eine Dankesurkunde vom Bürgermeister. Das hat uns sehr gefreut und stolz gemacht.»

Russisch statt Italienisch gelernt

Obwohl das Hilfswerk stillsteht, möchten sich die beiden weiterhin punktuell engagieren. Sie werden wieder nach Lemberg reisen und Sylviane Anderegg sagt: «Wenn man einmal da war, lässt das einen nicht mehr los.» Auch hätten sie viele Freundschaften geschlossen. Eigentlich hätten sie Italienisch lernen wollen, sagt sie, «nun ist es halt Russisch geworden.»