KREUZLINGEN: Baustelle verschönert

Mit «Kunst TAT» hat das Architekturbüro Häberlin eine Reihe von Kunstprojekten ins Leben gerufen. Graffiti-Künstler haben gerade bei der Überbauung am Besmerweg ihrer Fantasie freien Lauf gelassen.

Desirée Müller
Drucken
Teilen
Die Sprayer sind konzentriert bei der Arbeit. Sie bemalen die Baustellenwände unterhalb des Besmer. (Bild: Reto Martin)

Die Sprayer sind konzentriert bei der Arbeit. Sie bemalen die Baustellenwände unterhalb des Besmer. (Bild: Reto Martin)

Desirée Müller

kreuzlingen@thurgauerzeitung.ch

Thomas Schildknecht tritt einen Schritt zurück und begutachtet mit geneigtem Kopf sein Werk. Ein blaues Entenpärchen schaut ihn schelmisch an. «Süss oder?», fragt er in die Runde. Normalerweise sprayt er eher aggressivere Motive. Seit der Geburt seiner Tochter findet er jedoch immer grösseren Gefallen an niedlichen Sujets. «Dieses Bild habe ich vor einer Weile für sie gezeichnet. Heute nochmals – einfach auf eine zwei Meter Bauwand statt ins Skizzenbuch», sagt der 32-jährige Frauenfelder und lacht. Er zieht sich die Schutzmaske über den Mund und wählt mit Bedacht eine rote Spraydose. Als Tüpfchen auf dem i sprayt er mit Leichtigkeit einen Regenbogen über die Comictiere.

Neben seinem entstanden am letzten Samstag und Sonntag vier weitere Kunstwerke an den Wänden, welche die Passanten vor der Baustelle unterhalb des Restaurants Besmer abschirmen. «Die Baustelle grenzt an den Schulweg», erklärt Andrea Wolff. Sie ist die Marketingverantwortliche des Architekturbüros Häberlin aus Müllheim. «Uns kam der Gedanke, dass man die Bauwände bemalen könnte», erklärt Wolff. Sie entschieden sich, Graffiti-Künstlern eine Plattform zu bieten. Thomas Schildknecht ist ein Szenenkenner und arbeitete unter anderem mit dem Jugendtreff Frauenfeld zusammen.

Kunst für den Moment

Thomas Schildknecht zückt sein Handy und schiesst ein Foto von seinem Werk. Auf die sozialen Medien werde er das Foto nicht stellen. «Einfach für mich als Erinnerung», sagt er und schaut auf das Display. Die Wand wird er nämlich nicht mehr besuchen kommen. Sobald ein Bild entstanden ist, ist für ihn die Arbeit getan. «Ich wäre auch nicht traurig, wenn die Wand morgen schon wieder wegkäme», erzählt der Bauzeichner. Es gehe ihm um den Moment beim Malen.

Seine Kollegen sind immer noch am Werk. David Kümin wirft einen Blick auf seine an die Wand geklebte Skizze und prägt sich das Bild ein. Dann schüttelt er die blaue Dose und sprüht weiter. Er malt realistische Graffiti. Als einziger der für «Kunst TAT» engagierten Künstler lebt Kümin von Auftragsarbeiten mit Sprühdose. Sein Lebensstil sei alles andere als luxuriös, was für ihn kein Problem sei. «Manchmal gibt es als Lohn kein Geld, dafür eine Woche Ferien in einem Hotel, dessen Dachterrasse ich gestalten konnte», erzählt er. Einen Plan B hat er aber im Hinterkopf: «Ich habe freie Kunst sowie Zeichenlehrer auf Gymnasiumstufe studiert. Der Lehrerjob wäre dann sozusagen mein Fallschirm.» Für das Sujet, das nun die «Kunst TAT»-Wand ziert, arbeitete er über acht Stunden an der Skizze, bis er ganz zufrieden war und investiert nochmals etwa gleich viele Stunden zum Sprühen. «Die zwei Augen in der Kombination mit der Banane sollen mit der betrachtenden Person in einen kurzen Dialog treten, als würde die Wand dieser einen Witz erzählen.»

Künstler hört lieber Illustration als Graffiti

Lange Erklärungen über die Bedeutung eines Bildes seien nicht nötig. Das findet zumindest Baltasar Bossard aus Winterthur. Er hört auch lieber die Bezeichnung Illustrationen statt Graffiti. «Das Wort ist irgendwie negativ geprägt», findet er.

Die Künstler waren bezüglich der Wahl ihrer Bilder sehr frei. «Die einzige Vorgabe unsererseits war die Farbe Blau, die in ­jedem Bild vorkommen soll», sagt Andrea Wolff. Und daran haben sich die Sprayer natürlich gehalten.

Das Pilotprojekt am Besmerweg war der Startschuss für Häberlins «Kunst TAT». «Die Resonanz war bisher sehr gut. Somit ist geplant, dass wir in Zukunft an verschiedenen grossen Baustellen Künstlern die Möglichkeit geben, sich kreativ auszuleben», verspricht sie.