KONSTANZ: Der Galgen stand auf Thurgauer Seite

500 Jahre Geschichte eines Gebietes, das in der Schweiz liegt, aber Konstanz gehört: Die Sonderausstellung im Konstanzer Rosgartenmuseum widmet sich dem Tägermoos und damit dem «letzten Stück des mittelalterlichen Feudalrechts».

Kurt Peter
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1902: Gemüsegärtner füllen Weidenkörbe für einen Zwiebelmarkt. (Bild: pd)

1902: Gemüsegärtner füllen Weidenkörbe für einen Zwiebelmarkt. (Bild: pd)

KONSTANZ. «Der kürzliche Pappelstreit ist nur ein Kapitel einer Geschichte, die 500 Jahre zurückreicht und ein Sammelsurium von Kuriositäten und Besonderheiten aufweist», erklärte Tobias Engelsing, Direktor der städtischen Museen Konstanz, anlässlich der Präsentation der Sonderausstellung «Tägermoos – ein deutsches Stück Schweiz». Gleichzeitig sprach er auch von wachsendem Druck auf das 150 Hektar grosse Gebiet, auf dem nur noch fünf Gemüsebauern aktiv sind. «Kreuzlingen und Tägerwilen wachsen auf das Tägermoos zu», meinte er, und doch könne Konstanz am «letzten Rest des mittelalterlichen Feudalrechts festhalten».

Trotz zahlreicher Gelegenheiten habe die Schweiz keine volle staatliche Souveränität über das Tägermoos erlangen können, vielleicht auch nicht wollen, erklärte Engelsing gestern vor den Medien. Und er wand den Nachbarn ein Kränzchen: «Die Schweizer sind mit Konstanz immer moderat umgegangen, haben auch die Krisenzeiten nicht ausgenutzt, um den Status des Tägermoos zu ihren Gunsten zu ändern.»

Seit 1831 besteht ein Vertrag zwischen dem damaligen Grossherzogtum Baden und dem Kanton Thurgau, welcher die Rechten und Pflichten auf dem Tägermoos regelt. Die Crux: «Es gibt im Vertrag keine Kündigungsklausel, eine einseitige Aufhebung ist deshalb unmöglich», erklärte Engelsing.

Ein neuer Vertrag ist schwierig

Die deutschen Gemüsebauern zahlen keine Einkommenssteuer in der Schweiz. Gemüse darf zollfrei nach Konstanz eingeführt werden, die Gerätschaften wechseln die Seiten ebenso unkompliziert. «Und so ist es schwierig, einen neuen Vertrag aufzusetzen, über dem seit 2002 eine Arbeitsgruppe brütet.»

Die Ausstellung im Rosgartenmuseum stellt ein wundersames Stück deutsch-schweizerischer Nachbarschaft vor, geht den Ursprüngen dieser einmaligen Grenzverhältnisse nach. Diese liegen im sogenannten «Schwabenkrieg» vor etwas mehr als 500 Jahren. Damals verlor Konstanz sein Hinterland, die Eidgenossen rückten bis an die Stadtmauern vor. Konstanz behielt jedoch das Eigentum und die einfachen Hoheitsrechte. Das Tägermoos wurde «Untertan zweier Herren und damit Quelle jahrhundertelanger Konflikte».

So liessen es sich die Konstanzer nicht nehmen, verurteilte Delinquenten aus dem Volk am Galgen im Tägermoos hinzurichten. Da nützten auch die Proteste aus der Schweiz nichts: Das letzte Todesurteil an diesem Ort wurde 1774 an der Thurgauerin Anna Maria Häberlin vollstreckt. Verurteilt wegen Diebstahls wurde sie enthauptet. Der Galgen wurde 1833 abgebrochen, «einen kleinen Hügel sieht man noch, das Fundament ist vergraben, doch der Namen Galgenweg erinnert an die makabre Stätte».

Bekannt durch Gemüse

Natürlich ist das Tägermoos heute durch den Gemüsebau bekannt. Die Bauern aus dem Konstanzer Stadtteil Paradies verkauften schon im 18. Jahrhundert ihre Ernten auf den Märkten der Umgebung. Mit dem Bau der Eisenbahn fanden Kohlköpfe, Zwiebeln und anderes Gemüse den Weg bis nach Rorschach und Bregenz. «Nun kam auch ein gewisser Wohlstand zu den Konstanzer Gemüsebauern», sagte Engelsing. Dass das Rahmenprogramm zur Ausstellung fast vollständig in der Schweiz stattfindet, zeige für ihn auch, dass «das Tägermoos eine Landschaft zweier Staaten ist, aber in der nur ein Herz schlägt».