Köchin verklagt Lehrbetrieb

Streitfall vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen. Lehrtochter gegen Ausbildner. Sie sagt, sie habe zu wenig gelernt. Die Chefs widersprechen: Die junge Frau sei nicht interessiert und oft krank gewesen.

Ida Sandl
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Lehrtochter Virginia Zwicky (17) und Ausbildner Edi Burkhardt (56) an den Renovationsarbeiten auf dem Schlossgut Bachtobel oberhalb von Weinfelden. (Bild: Donato Caspari)

Lehrtochter Virginia Zwicky (17) und Ausbildner Edi Burkhardt (56) an den Renovationsarbeiten auf dem Schlossgut Bachtobel oberhalb von Weinfelden. (Bild: Donato Caspari)

KREUZLINGEN. Köchin will sie werden, doch schon im ersten Lehrjahr gibt es Probleme. Die Lehrtochter befürchtet, sie lerne zu wenig. Sie müsse nur Gemüse rüsten oder andere Hilfsarbeiten erledigen, klagt sie. Zweimal verlangt sie eine Aussprache. Danach sei es ein bisschen besser gegangen, aber nur kurz

Ruhig, fast ein wenig schüchtern sitzt die junge Frau im Bezirksgericht Kreuzlingen. Sie verklagt ihren ehemaligen Lehrbetrieb. Acht Stunden verhandelt das Gericht über die Streitsache. Fünf Zeugen sind geladen, unter anderem die beiden Lehrmeister.

Die Frau besteht am Ende die Lehrabschlussprüfung. Sie sagt, sie habe das nur geschafft, weil sie wenige Monate vor der Prüfung den Betrieb gewechselt habe.

Panik vor der Prüfung

Denn je näher das Ende der Ausbildung rückt, umso panischer wird die Lehrtochter. In ihrer Not meldet sie sich bei der kantonalen Lehraufsicht. Ein runder Tisch wird einberufen.

Aber die Situation ist bereits verfahren. Die Frau ist öfters krank. Ihr erster Lehrmeister kündigt, weil ihm der Druck in der Restaurantküche zu viel wird. Mit dem neuen Küchenchef klappt es noch schlechter. «Du bist also die, die das Lehrlingsamt eingeschaltet hat», soll er sie begrüsst haben. Etwa eine Woche arbeiten sie zusammen, dann muss die Lehrtochter wegen einer Blinddarmoperation ins Spital.

Kaum ist sie wieder gesund, wendet sie sich an einen Koch, der früher mal ihr Nachbar war. In seinem Restaurant und unter seiner Anleitung bereitet sie sich intensiv auf die praktische Prüfung vor. Von Anfang an stellt er klar, dass er ihr dafür keinen Lehrlingslohn zahlen könne.

Dieser Wirt ist als Zeuge geladen. «Ich habe sofort gesehen, dass die Theorie für sie kein Problem ist», sagt er. Er beschreibt die junge Frau als engagiert und zielstrebig.

Gekocht für den Kübel

Ein ganz anderes Bild zeichnet das Geschäftsleiterpaar des ehemaligen Ausbildungsbetriebes. Die Lehrtochter sei desinteressiert, erschöpft und überfordert gewesen, sagt die Geschäftsleiterin. Sie habe sich vor dem Kochen gedrückt. Was sie selbständig gekocht habe, sei ungeniessbar gewesen. Man habe es in den Schweinekübel werfen müssen. «Sie hätte besser eine Anlehre gemacht», wettert die Geschäftsleiterin.

Die junge Frau schafft die Prüfung zur Köchin. Es wird kein Glanzresultat, aber sie kommt durch. Weil sie das letzte halbe Jahr nicht mehr im ursprünglichen Lehrbetrieb arbeitet, zahlt ihr dieser auch keinen Lohn mehr. Das Geld fordert sie jetzt zurück. Ihr Anwalt spricht von einer «völlig missratenen Ausbildung». Man habe sie als billige Küchenhilfe missbraucht. Deshalb sei ihr nichts anderes übrig geblieben, als die Notbremse zu ziehen und sich anderweitig Unterstützung zu holen.

Zusätzlich zum Kochtraining nimmt sie Nachhilfe bei einem privaten Lerninstitut. Hier holt sie sich Tips für die theoretische Prüfung. Das alles stellt sie ihrem früheren Arbeitgeber in Rechnung, plus Anwaltskosten sind das um die 17 000 Franken.

«Es geht nur ums Geld und darum, den Lehrbetrieb zu schädigen», erklärt die Geschäftsleiterin. Bereits vor der Verhandlung hat es zwischen dem Geschäftsleiter, der auch Anwalt ist, und dem Anwalt der Klägerin einen heftigen Briefwechsel gegeben.

Das Urteil des Bezirksgerichts steht noch aus.

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