Kleine Schritte, aber weg von Traumata

Einen Vortrag unter Polizeischutz besuchen – diese mulmige Erfahrung «durfte» ich vorgestern abend in Romanshorn machen, als durch Gegner der Vortrag über den Islam mit Drohungen verhindert werden sollte.

Mark Kilchmann-Kok
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Einen Vortrag unter Polizeischutz besuchen – diese mulmige Erfahrung «durfte» ich vorgestern abend in Romanshorn machen, als durch Gegner der Vortrag über den Islam mit Drohungen verhindert werden sollte. Ob der Islam eine Bedrohung sei, war das Thema – tatsächlich kam die Bedrohung dieses Vortragsabends aber von den «Islamgegnern» selber. Der Kanti als Gastgeberin war es wichtig, dass am Recht von mündigen Bürgern auf freien Meinungsaustausch festgehalten wird.

Der Abend lief über weite Strecken auf Ebene von Argumenten ab. Auf einer andern Ebene bemerkte ich Traumatisierung und Verletzung: Ein Gegner war geprägt von der Brutalität, die er bei Islamisten erlebte, und die Referenten mussten sich wehren, um nicht mit den Ungeheuerlichkeiten, die im Namen des Glaubens begangen werden, in Verbindung gebracht zu werden. Angst und Unverständnis war bei vielen Besuchern greifbar. Kein Wunder: ein tiefes Trauma nach politisch motivierten Angriffs- und Kreuzzügen von beiden Seiten, «Verteufelung der Feinde» auf theologischer Ebene und Kolonialisierung der einst (auch in Europa) so einflussreichen und hochstehenden islamischen Kultur vergiftet seit Jahrhunderten das Verhältnis von Morgen- und Abendland.

Trotz dieser negativen Vorzeichen beeindruckte, dass etliche Fragesteller echtes Interesse zeigten. Vor allem nach Vortragsende kam der Dialog auf; man ging aufeinander zu und sprach miteinander. Kleine Schritte vielleicht. Aber wenigstens Schritte weg von Ideologie, Trauma und Verletzung, hin zu Begegnung. Menschen begegneten einander als Menschen, vielleicht sogar als Kinder des gleichen, einen Gottes.

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