Kleine Bühne, grosse Ideale

WEINFELDEN. Am 31. Mai geht Max Vögeli als Weinfelder Gemeindeammann zu Bett, am anderen Morgen erwacht er als Weinfelder Gemeindepräsident. Mit dem Wechsel der Berufsbezeichnung geht im Dorf eine 646jährige Tradition zu Ende.

Esther Simon
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Die verhüllte Statue namens «Der Gemeindeammann» im Atelier von Didi Paffrath an der Marktstrasse 24. (Bild: Reto Martin)

Die verhüllte Statue namens «Der Gemeindeammann» im Atelier von Didi Paffrath an der Marktstrasse 24. (Bild: Reto Martin)

Keiner weiss etwas Genaues über den Herrn Hyltbrand. Sicher ist nur, dass sein Name 1369 in einer Urkunde erstmals erscheint, und dass er somit der erste nachweisbare Gemeindeammann von Weinfelden war. Die Geschichte der Weinfelder, die sich an vorderster Stelle um das Dorf kümmerten, reicht also 646 Jahre zurück. Doch ab 1418, als die Weinfelder ein eigenes Gericht erhielten, war Schluss mit lustig. Der Ammann war fortan nicht nur Vorsitzender des Gemeinderates mit 24 Mitgliedern, er war auch so etwas wie der Präsident des zwölfköpfigen Gerichtes.

Sprungbrett in die Regierung

Einen hauptamtlichen Gemeindeammann erhielten die Weinfelder erst im Jahr 1955. Es war Albert Schläpfer, Vater des amtierenden Regierungsrates Kaspar Schläpfer. Schläpfer wirkte neun Jahre in Weinfelden, dann wählten ihn die Thurgauer in die Regierung. Nachfolger Schläpfers im Gemeindeammannamt wurde im Mai 1964 Arthur Haffter – der fünfte Weinfelder Gemeindeammann, der Haffter hiess (siehe Kasten). Wie Schläpfer zuvor, kam aber auch Haffter den Weinfeldern bald abhanden, als auch er in den Regierungsrat gewählt wurde. Auch einer der Nachfolger Haffters im Weinfelder Gemeindeammannamt – Hermann Lei – wurde später Thurgauer Regierungsrat.

Vor fünf Jahren bestellt

Am 1. Juni ist es vorbei mit der Bezeichnung Gemeindeammann. Man wird sich an den Gemeindepräsidenten gewöhnen müssen. Als ob er geahnt hätte, dass die Bezeichnung Gemeindeammann einmal historische Bedeutung erlangen würde, fragte der Weinfelder Steinmetz Didi Paffrath die Gemeinde Weinfelden schon vor fünf Jahren, ob sie Interesse an einer Figur hätte. Die Figur sollte «Der Gemeindeammann» heissen. Die Gemeinde fand die Idee gut und bestellte die Statue – nicht zuletzt im Sinne der Kulturförderung.

Die Figur befindet sich zwar noch immer in der Werkstätte von Paffrath an der Marktstrasse 24; aber am Montag, 1. Juni, wird sie vor dem Haffterhaus an der Frauenfelderstrasse 8 in Weinfelden plaziert. «Der Zeitpunkt ist ideal, um die Statue aufzustellen», sagt Gemeindeammann Max Vögeli. «Es geht dabei nicht um mich. Die Statue steht für alle Gemeindeammänner, die je für das Dorf gearbeitet haben.»

Diplomat und Kämpfer

Paffrath schrieb am 14. Dezember 2012 zu seiner Statue: «Der Ammann – geschickt knüpft er politische Bande in unserer Gesellschaft. Er muss die Gabe besitzen, diplomatisch und gleichzeitig kämpferisch zu sein. Nur so kann er ein Ziel verfolgen und der Gesellschaft Halt geben. Repräsentativ steht er für die Belange der Gesellschaft und die Förderung der Lebensqualität. Politische Überzeugungen muss er geschickt in die Gemeinschaft einfliessen lassen. Der Gemeindeammann spielt auf einer kleinen Bühne für grosse Ideale. Kann er das gut, werden die Bande immer stärker. Eine gestärkte Gemeinschaft war schon immer ein Garant für Erfolg.»

Keine Verwechslung, bitte

Max Vögeli hat mit dem Wechsel der Berufsbezeichnung kein Problem. Der Sirnacher Gemeindeammann Kurt Baumann, der sich jetzt schon Präsident nennt, begrüsst die Änderung sogar ausdrücklich, wie ihn Harry Rosenbaum in der Ostschweizer Kulturzeitschrift «Saiten» zitiert: «Ich bin öfters im Kanton Zürich. Dort gibt es auch den Gemeindeammann, aber der ist nicht der Vorsteher einer Gemeinde, sondern ein Vollzugsbeamter, zum Beispiel ein Betreibungsbeamter. Damit will ich nun wirklich nicht verwechselt werden.»