Kinder legten zwei Kilogramm zu

ARBON. Lange war die Zukunft ungewiss. Mit dem Verkauf des Ferienheims Rossfall zeichnet sich jetzt eine gute Lösung für die weitere Nutzung des fast hundertjährigen Hauses ab. Auch für die Schule. Eine Rückschau auf 97 Jahre Lagerleben.

Hans Geisser
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Sommerlager im Ferienheim Rossfall oberhalb von Urnäsch um 1930 mit Ringel-Reihe-Tanz. (Bilder: Historisches Museum Arbon im Schloss)

Sommerlager im Ferienheim Rossfall oberhalb von Urnäsch um 1930 mit Ringel-Reihe-Tanz. (Bilder: Historisches Museum Arbon im Schloss)

ARBON. Die Primarschulbehörde hat entschieden, die Liegenschaft an Manfred Meyer (Schule Schloss Kefikon AG) zu veräussern. Der «Rossfall» weckt Erinnerungen, haben doch Generationen von Arbonern mindestens einmal während der Primarschulzeit ihre Sommerferien im Ferienheim verbracht. Das alte Haus ist eng mit der Lokalgeschichte des 20. Jahrhunderts verbunden.

Zuerst auf dem Nollen

Mit der regen Bautätigkeit während des industriellen Aufschwungs um 1900 wächst die Einwohnerzahl in kurzer Zeit um das Zehnfache. Zwischen 1872 und 1911 baut die Schulbehörde vier Schulhäuser und drei Turnhallen. Dank der Weitsicht von Behörde und Stimmvolk ist damit genügend Schulraum bis in die 1960er-Jahre vorhanden. Zum Ferienangebot für die Schuljugend müssen damals die sogenannten «Arboner Spielnachmittage» genügen. Um 1910 folgen dann erste mehrwöchige Ferienkolonien für Kinder aus einfachen Verhältnissen in Mietobjekten auf dem Nollen und im Toggenburg.

Für 23 200 Franken

Private Initiative ist in früheren Zeiten oft die Keimzelle für gemeinnützige öffentliche Bauvorhaben. An einem Vortragsabend der Fabrikanten Saurer und Zürcher (Stauder-Zürcher & Cie./Brunnenwiese) über «Ferienkolonien im In- und Ausland» taucht um 1910 erstmals der Wunsch nach einem eigenen Ferienheim auf. Ein Spendenaufruf legt den finanziellen Grundstein. Nach dem Erwerb des Baugrundstückes in Urnäsch für 913 Franken erhält Bau- und Zimmermeister Burkhard Zöllig, Arbon, den Bauauftrag zum offerierten Preis von 23 200 Franken. Anfang Juli 1914 wird der «Rossfall» eingeweiht. Arboner Honoratioren, zahlreiche Eltern und die vollzählige Schulbehörde feiern zusammen mit den ersten fünf Dutzend kleinen Feriengästen ein munteres Fest.

Vorzug für schwächliche Kinder

Wenige Jahre später ermöglicht der Arboner Arzt Dr. Heinrich Bachmann mit einer Spende den Einbau einer Turn- und Spielhalle, ein willkommenes Angebot bei Regenwetter. Und während Jahrzehnten gehören drei dreiwöchige Kolonien zum festen Bestandteil des Schuljahres. Dabei können selten alle Anmeldungen berücksichtigt werden. Schwächliche Kinder aus einfachen Verhältnissen werden zuerst berücksichtigt. Die Zeit zwischen 1910 und 1935 ist von wiederkehrenden Wirtschaftskrisen geprägt. In vielen Arbeiterfamilien reicht es nur für das Nötigste. Die Ferienlager sind für viele Kinder Tage der Erholung vom Alltag.

Gute Küche für Abgemagerte

Die Lehrkräfte im Heim legen grossen Wert auf gute und ausreichende Verpflegung. So notiert der Schularzt – der stets auch Lagerbesuche macht – vor und nach den Ferienwochen das Gewicht der Kinder. Im Rechenschaftsbericht der Schulvorsteherschaft 1944 hält Dr. Emil Munz fest, «dass pro Kind eine durchschnittliche Gewichtszunahme von zwei Kilo registriert wurde. An diesem Erfolg ist die Verpflegung wesentlich beteiligt. Sie war wieder reichlich und gut. Wer den Knirpsen bei den Mahlzeiten zuschauen konnte, musste erfreut und dankbar sein, dass es am Ende des vierten Kriegsjahres noch möglich war, das Essen in dieser Güte und Menge abzugeben, wie es in unserer Kolonie der Fall war. Wir verdanken dies der vorzüglich organisierten Rationierung, der Gewissenhaftigkeit der Lieferanten und der vorsorglichen Einteilung durch das Personal.»

Neu beleben

Um die Jahrhundertwende schwindet das Interesse am «Rossfall». Während Jahren verkürzt man die Lagerdauer auf zwei Wochen und bald genügt eine einzige Kolonie. Ein Glücksfall, dass mit dem vorgesehenen Verkauf an ein bekanntes und traditionsreiches Thurgauer Internat – nach der notwendigen Renovierung des Hauses durch die Käuferschaft – neues Leben ins alte Heim einziehen wird. Ein Glücksfall auch, dass es auch der Primarschulgemeinde Arbon offen bleiben soll.

Ziegenbesuch um 1915.

Ziegenbesuch um 1915.