Kein kuscheliger Kinoabend

ROMANSHORN. Das Thema Hunger begreifen: David Syz zeigte seinen neuen Film vor einem interessierten Publikum. Er schaffte es, die komplizierten Zusammenhänge zwischen Nahrungsknappheit und Rohstoffhandel verständlich aufzuzeigen.

Christa Kamm-Sager
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Die erste Szene im Film zeigt einen Buben in der Weite Äthiopiens auf dem Weg zur Schule. (Bild: pd)

Die erste Szene im Film zeigt einen Buben in der Weite Äthiopiens auf dem Weg zur Schule. (Bild: pd)

ROMANSHORN. Traurige, schwarze Kinder, grosse fragende Augen und dicke Hungerbäuche sieht man nicht in diesem Film. Das Romanshorner Publikum ist dankbar dafür, denn die Hungerproblematik ist auch ohne diese zu Herzen gehenden Bilder schon schwer verdaulich und präsent genug, wie sich nach dem Film von David Syz in der anschliessenden Diskussion zeigte.

Drei klärende Fragen von Margrit Stickelberger an den Filmemacher bereiteten das zahlreich erschienene Publikum auf die nicht immer einfachen Bilder vor.

Gestresster Rohstoffhändler

Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen von Mangelernährung auf dieser Welt, eine Milliarde Menschen leiden dauernd an Hunger: Filmemacher David Syz stellt diese erschreckenden Zahlen an den Beginn seines Dokuments, in dem er auch als Akteur eine Rolle spielt, und sagt im selben Atemzug: «Die globale Verfügbarkeit an Nahrungsmitteln war noch nie das Problem. Auf unserer Erde könnten 12 Milliarden Menschen ernährt werden. Nur die Verteilung der Nahrung ist komplett aus der Balance.»

Diesem Missverhältnis geht der ehemalige Staatssekretär des Staatssekretariats für Wirtschaft in seinem dritten Film auf den Grund und lässt sich von einem gestressten Händler an der Agrarbörse für Rohstoffhandel in Chicago erklären, dass die Naturereignisse die wahren Preistreiber seien und diese ständig zunähmen. Aber auch das: 2008 passierte ein dramatischer Preisanstieg der Rohstoffe an der Börse. Der Aktien- und Immobilienmarkt ist damals eingebrochen und die Märkte entdeckten die Rohstoffe.

Chancenlose Kleinbauern

Szenenwechsel nach Senegal – weit weg von Chicago und doch unmittelbar abhängig von den Geschehnissen dort an der Agrarbörse. 70 Prozent der Senegalesen arbeiten in der Landwirtschaft und doch ist das westafrikanische Land angewiesen auf den Import. Dafür werden Unmengen von Erdnüssen für den Export angebaut.

Aufgezeigt wird auch, wie chancenlos Kleinbauern in Senegal, aber auch anderen afrikanischen Ländern sind gegen die Überschwemmung der Märkte durch stark subventionierte amerikanische Grossbauern, die ihre Überproduktion nach Afrika verkaufen. Von der Riesenfarm in den USA zum ebenfalls subventionierten Kleinbauern im Toggenburg gelingt dem Filmteam der Schwenk zum Thema Korruption – wieder in Senegal. Als «Stoff, aus dem künftige Kriege entstehen können», bezeichnet Syz das Problem der Überfischung, wo der Mächtigere dem Schwachen jegliche Überlebenschancen raubt.

Nicht ohne Hoffnung

Doch das Filmdokument zum Thema Hunger endet nicht ohne einen Hoffnungsschimmer, wie das Beispiel Äthiopien zeigt. Ein Land, das nach der grossen Dürre von 1983 am Boden lag und heute dank gut koordinierten Hilfeleistungen und einer mobilisierten Bevölkerung erstarkt. «Trotz allen Widrigkeiten gibt es Hoffnung. Afrika muss sich endlich selber versorgen können», sagt David Syz zum Schluss.

Der Kinoabend endet mit engagierten Fragen aus dem Publikum, welche die Betroffenheit spiegeln, und einige letzte Gäste diskutieren auch beim Apéro des claro-Ladens – dort, wo jeder Konsument vor seiner Haustüre einen Anfang zu einem faireren Konsum machen kann – noch lange weiter.