«Jugendliche testen die Grenzen»

ERLEN. Eigentlich hat Roger Schümperli Maurer gelernt. Schnell stellte er fest, dass ihm die Arbeit mit Jugendlichen besser liegt. Nach dem Abgang von Daniel Preiser übernimmt der 42-Jährige nun die Offene Jugendarbeit in Erlen.

Cyrill Rüegger
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Der neue Jugendarbeiter Roger Schümperli vor dem Jugendtreff beim Feuerwehrdepot in Erlen. (Bild: Cyrill Rüegger)

Der neue Jugendarbeiter Roger Schümperli vor dem Jugendtreff beim Feuerwehrdepot in Erlen. (Bild: Cyrill Rüegger)

«Meine Eltern hatten wegen des Berufs wenig Zeit für mich», erinnert sich Roger Schümperli. «Schon damals wusste ich, dass ich es einmal anders machen will.» Der 42-Jährige sitzt auf einem alten Ledersofa im Luftschutzkeller unter dem Feuerwehrdepot Erlen. An der Decke hängen farbige Lichter. In einer Ecke steht ein schwarzer DJ-Pult.

Die Disco des Jugendtreffs ist einer der neuen Arbeitsräume von Roger Schümperli. Weil Daniel Preiser auf Reisen geht, tritt er Ende September dessen Nachfolge als Jugendarbeiter an.

Vom Bau ins Klassenlager

Seine Lehre machte Schümperli auf dem Bau. «Ich habe rasch gemerkt, dass das nicht alles ist.» So begleitete er seine Schwester, die als Lehrerin arbeitete, ins Klassenlager und entdeckte seine Passion für das Arbeiten mit Kindern.

Die letzten fünf Jahre war Schümperli als Jugendarbeiter im zürcherischen Embrach tätig. «Die schöne Landschaft und die umgänglichen Menschen haben mich in die Ostschweiz zurückgezogen», erklärt der gebürtige Thurgauer in breitem Zürcherdialekt. Von seinem Elternhaus in Märwil sei er früher häufig nach Erlen in den Skaterpark gefahren. «Inzwischen ist das Dorf grösser geworden. Vor allem die moderne Schulanlage hat mich beeindruckt.»

Die Akustik passt nicht

Während des Gesprächs schaut er immer wieder zur Decke des Discoraums hoch. «Die Akustik ist nicht ideal», sagt er. «Vielleicht finde ich ja ein paar Jugendliche, die mit mir den Raum umgestalten wollen.» Der gelernte Maurer sprüht vor Ideen. Am liebsten bilde er Gruppen, die dann gemeinsam auf einen Auftritt hinarbeiten. Eine Tanzgruppe, eine Gesangsgruppe und eine Discjockey-Gruppe zählt er als Beispiele auf. «Was wir letztlich umsetzen, ist aber abhängig von den Interessen der Jugendlichen. Denn schliesslich sollen sie sich verwirklichen und nicht ich», fügt Schümperli schmunzelnd an. Natürlich kennt er auch die schwierigeren Seiten des Jobs. Einmal musste er gar veranlassen, dass ein Schüler ins Heim eingewiesen wird. «Er war aggressiv und hat in der Öffentlichkeit grundlos Leute angegriffen», begründet Schümperli den Entscheid. Zwei Jahre später kam der Jugendliche zum Jugendarbeiter zurück und bedankte sich. «Jugendliche testen häufig die Grenzen aus, deshalb braucht es klare Leitplanken.»

Der Weg zur Persönlichkeit

60 Stellenprozent umfasst der Job als Jugendarbeiter. Die restlichen 40 setzt Schümperli für den Umbau seines Hauses im appenzellischen Rehetobel ein. Sein Büro befindet sich in der Schule Erlen, gleich neben jenem der Schulsozialarbeiterin. «Eine solch fortschrittliche Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendarbeit habe ich bislang noch nicht gesehen», sagt Schümperli.

Seine Ziele sind klar. Er will den Jugendlichen Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Sie sollen selbständiger werden und ihr Selbstwertgefühl steigern. «Es macht Spass, zu beobachten, wie sich aus jungen Erwachsenen langsam Persönlichkeiten entwickeln», sagt Schümperli.

Gerade in der heutigen Zeit, in der immer mehr Familien auseinanderfallen, könne der Jugendtreff als Familienersatz dienen. «Wie gesagt: Ich wollte mich für die Kinder einmal mehr Zeit nehmen als meine Eltern. Auch wenn es nun halt nicht meine eigenen sind», sagt Roger Schümperli und schmunzelt.