Jetzt strahlt der Widerstand

ROMANSHORN. Über 500 Personen haben Einsprache gegen eine neue, 22mal leistungsstärkere Mobilfunkantenne auf einem Hochhaus in Romanshorn eingereicht. Feuer im Dach ist bei der Baugenossenschaft, die Sunrise den Ausbau ermöglichen will.

Markus Schoch
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Der Kampf beginnt von neuem. Rund 400 Personen wehrten sich im letzten Frühling gegen den Bau einer Mobilfunkbasisstation an der Gartenstrasse in Romanshorn. Der Stadtrat wies aber alle Einsprachen ab und erteilte Sunrise eine Baubewilligung, die das Telekommunikationsunternehmen dann aber doch nicht nutzen wollte. Kurz vor Weihnachten gab es überraschend bekannt, das Projekt nicht weiter zu verfolgen.

Mittlerweile ist klar warum. Sunrise will die Sendeleistung der bestehenden, 1999 in Betrieb genommenen Mobilfunkantenne einige Hundert Meter entfernt auf dem Hochhaus der Baugenossenschaft Eigenheim massiv erhöhen, und zwar um das 22-Fache.

Der Widerstand ist diesmal noch grösser. Auch wenn das Baugesuch lange Zeit unbemerkt blieb. Anwohner sind erst letzte Woche darauf aufmerksam geworden. Sie haben dann allerdings innert 72 Stunden 509 Unterschriften für eine Einsprache gesammelt und gestern am letzten Tag der Auflagefrist der Bauverwaltung übergeben.

Schule: Grenzwerte eingehalten

Betroffen von den Plänen der Sunrise ist auch die Primarschule Romanshorn. Der Doppelkindergarten Sonnenwinkel und das Pestalozzischulhaus befinden sich in nächster Nähe des Hochhauses. Die Behörde verzichtet aber darauf, gegen die neue Antenne vorzugehen.

Sie hätten das Baugesuch letzte Woche diskutiert und beschlossen, keine Einsprache zu machen, sagt Präsident Hanspeter Heeb. Die theoretischen Berechnungen würden zeigen, dass die Grenzwerte eingehalten werden. «Wir würden uns erst wehren, wenn sich im Betrieb ein anderes Bild zeigen sollte.» In die Grundsatzdebatte über die Gefährlichkeit der Funkstrahlung für die Gesundheit wolle sich die Behörde nicht einmischen. Das sei eine Frage, die von der Politik beantwortet werden müsse, stellt Heeb klar.

Chinderhuus: Alles korrekt

Aus den gleichen Gründen auf eine Einsprache verzichtet das Chinderhuus, das nur einen Steinwurf vom Hochhaus entfernt liegt. Der Vorstand habe kurzfristig vom Bauvorhaben erfahren, teilt Präsidentin Rebecca Hirt auf Anfrage mit. «Die Gesundheit der Mitarbeitenden und Kinder ist ein sehr hohes Gut. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die gesetzlichen Anlagegrenzwerte überschritten werden», heisst es in der Mitteilung. Vor diesem Hintergrund habe der Vorstand mehrheitlich entschieden, auf eine Einsprache im Namen des Vereins zu verzichten. «Es ist den Mitarbeitenden selbstverständlich frei- gestellt, ob sie im eigenen Namen Einsprache erheben.»

Die Erfolgsaussichten sind allerdings gering. Zumindest die Stadt dürfte das Baugesuch aller Voraussicht nach bewilligen. Sie hat keine andere Wahl. Denn die gesetzlichen Vorgaben sind erfüllt, hat das Amt für Umwelt der Bauverwaltung in seinem Vorprüfungsbericht bestätigt. Wenn nicht noch baurechtliche Hindernisse im Wege stehen, muss die zuständige Behörde deshalb grünes Licht geben. Der Entscheid kann selbstverständlich weitergezogen werden.

Aufruhr in der Genossenschaft

Feuer im Dach ist bei der 1912 gegründeten Baugenossenschaft, die Sunrise den Standort für die Antenne zur Verfügung stellt. Im Hochhaus selber haben praktisch alle Mieter, die in der Regel Genossenschafter sein müssen, Einsprache eingereicht. Und auch bei den Mitgliedern in den umliegenden Häusern der Eigenheimsiedlung ist der Unmut gross. Ihrer Meinung nach verstösst das Vorhaben gegen die Statuten der Genossenschaft. Ihr Zweck sei, «in gemeinsamer Selbsthilfe und Mitverantwortung ihren Mitgliedern gesunden und preisgünstigen Wohnraum zu verschaffen und zu erhalten», heisst es dort in Artikel 3. Die Antenne gefährde aber ihre Gesundheit.

Diese Ansicht vertreten auch einzelne Mitglieder des Vorstandes, von dem ein grosser Teil zudem bis vor kurzem gar nichts von dem Deal mit der Sunrise wusste. Wer ihn einfädelte, ist unklar. Präsident Martin Stettler war gestern nicht zu erreichen.

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