«Japaner werden es schaffen»

ROMANSHORN. Dai Kimoto verfolgt die Ereignisse in Japan mit besonderem Interesse. Er hat seine Jugend dort verbracht. Es hätten gar nie Atomkraftwerke gebaut werden dürfen, sagt der Musiker. Jetzt räche sich der Egoismus der Machthaber.

Markus Schoch
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Interview mit dem Fernsehen: Dai Kimoto auf der Japantournée 2007 der Swing Kids an einer Schule in Kitakyushu-City. (Bild: pd)

Interview mit dem Fernsehen: Dai Kimoto auf der Japantournée 2007 der Swing Kids an einer Schule in Kitakyushu-City. (Bild: pd)

Japaner kehren ihr Innerstes nicht nach aussen. Dai Kimoto macht keine Ausnahme. Auf die Frage, was ihm durch den Kopf gehe, wenn er die Bilder der Verwüstung in seinem Heimatland sehe, sagt er nur: «Es ist schlimm.» Die Japaner seien aber an Tsunami und Erdbeben gewöhnt. Sie würden darum auch diese Katastrophe meistern, ist der 61-Jährige überzeugt. «Die zerstörten Städte und Dörfer werden schneller aus den Ruinen entstehen, als man heute glaubt.»

Die Solidarität im Volk sei sehr gross, sagt Kimoto. Nach den schweren Erdbeben 1964 in Nigata und 1995 in Kobe hätten sich Zehntausende freiwillige Helfer gemeldet, um beim Wiederaufbau zu helfen. «Das wird jetzt nicht anders sein», sagt Kimoto. «Die Japaner werden es schaffen. Der Zusammenhalt ist gross.»

Das Land habe sich auch vom Zweiten Weltkrieg erholt. «Und damals war es noch viel schlimmer», sagt Kimoto.

Alles sei zerstört gewesen, und zwei Millionen Menschen hätten auf den Schlachtfeldern ihr Leben verloren.

Alle sehr gelassen

Kimoto wohnt seit langem nicht mehr in Japan. Mit 25 Jahren verliess er das Land. Er lebte in Okayama im Südwesten. «Es ist der allersicherste Ort überhaupt», sagt er. Es gebe keine Taifune und nur ganz kleine Erdbeben. Seine Mutter und ein Bruder seien immer noch dort. «Sie sind sehr gelassen», sagt Kimoto. Aber auch Bekannte aus anderen Regionen, mit denen er gesprochen habe, seien ganz ruhig.

Kimoto selber macht sich vor allem wegen der kaputten Atomkraftwerke Sorgen. Die Katastrophe hätten seiner Meinung nach vermieden werden können. Als die ersten Meiler gebaut werden sollten, habe es heftige Proteste gegeben. «Aber das Volk hat in Japan, anders als bei uns, nichts zu sagen», sagt Kimoto.

Mächtig sei dagegen die Wirtschaft, die seinerzeit ihre Interessen in der Hoffnung auf grossen und schnellen Profit ohne Rücksicht durchgesetzt habe. Dabei sei von Anfang an klar gewesen, dass es ein Spiel mit dem Feuer sei.

«In Japan gibt es so viele Erdbeben», sagt Kimoto. Dieser «Egoismus» räche sich jetzt. Wohin er führe, sei derzeit auch in Libyen zu sehen.

Nichts Besseres als Musik

Kimoto feierte am letzten Samstag zusammen mit den Swing Kids in der St. Galler Tonhalle die Taufe der neuen CD – einen Tag nach dem verheerenden Erbeben in Japan. Vor 500 Besuchern auf der Bühne zu stehen, sei ihm nicht schwer gefallen, sagt der Bandleader. «Es wäre nicht besser geworden, wenn ich traurig gewesen wäre.» Es gebe «nichts Besseres» als Musik, sagt er. Auch in diesen schweren Zeiten. Sie ist für ihn der Schlüssel zu einer besseren Welt.

Die Religionen seien für die Japaner bedeutungslos geworden. Nach den Brandbomben und dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima im Zweiten Weltkrieg hätten sie den Glauben an einen Gott verloren. Sein Vater sei acht Jahre im Krieg gewesen, zuerst gegen China, dann gegen Amerika. «Er war immer an der Front und hat viele grausame Dinge gesehen», sagt Kimoto.

Danach habe sein Vater immer gesagt: «Wo ist Gott, was macht er?»

Darum ist es gemäss Kimoto so wichtig, «geistige Kultur» zu pflegen. «Wir müssen lernen, zusammen zu leben, und nicht gegeneinander.» Nichts eigne sich besser als die Musik. Der Profisport und die Olympiade, bei denen es nur darum gehe, die anderen zu besiegen und möglichst viel Geld zu machen, hätten für ihn jeden Sinn verloren.