Jagd nach den höchsten Bündnern

Rudolf Fischer ist am Bodensee aufgewachsen, doch seine Welt sind die Berge. Er lebt in Domat/Ems, von wo aus er jahrelang hartnäckig sein Ziel verfolgt hat: Die Besteigung aller 3000er im Kanton Graubünden. Eine Reportage von Martin Rechsteiner.

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2010 auf dem Piz Bernina, mit 4049 m der einzige Bündner 4000er. (Bild: Picasa)

2010 auf dem Piz Bernina, mit 4049 m der einzige Bündner 4000er. (Bild: Picasa)

Seit mehr als einem Tag irrt die Tourengruppe nun schon durch den stockdicken Nebel. Es ist kalt auf dem Gepatschgletscher in den Tiroler Alpen. Die Gruppe ist müde und hat eine eisige Nacht hinter sich. Dicht zusammengedrängt in einem Schneeloch, das Gruppenmitglieder von Hand ausgehoben hatten, warteten sie auf den Tagesanbruch. Und da war er erneut: der dicke Nebel, der auf einem Gelände aus Eis und Schnee eine Orientierung völlig unmöglich macht. Das Wasser wird langsam knapp. Verzweiflung macht sich breit, einige aus der Gruppe beginnen zu phantasieren. Immer wieder wollen sie im Nebel Skilifte, Pistenfahrzeuge oder sonstige Hinweise auf die Zivilisation erkennen, wo gar keine sind. «Jetzt sterben wir», sagt die junge Ärztin.

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Brenzlige Situationen wie diese hat Rudolf Fischer zum Glück nur wenige erlebt. Seit über 40 Jahren geht er in die Berge, seit gut 20 Jahren mit einem eigenwilligen, ehrgeizigen Ziel: Fischer will alle Gipfel des Kantons Graubünden besteigen, die höher sind als 3000 Meter über Meer. Eigenwillig, weil sich Fischer dafür oft abseits gängiger Routen bewegen muss und von niemandem begleitet wird. Ehrgeizig, weil es sich bei diesem Vorhaben immerhin um 460 Bündner Erhebungen, Spitzen, Zacken und Rücken handelt.

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Seinem Ziel ist der Tägerwiler nun sehr nah. Auf 452 der erstrebten Berggipfel hat Fischer schon einen Fuss gesetzt. Dabei wird es aber vermutlich auch bleiben. «Vier der verbleibenden Gipfel liegen im Nationalpark. Da ist Bergsteigen verboten, Sonderbewilligungen gibt es keine», sagt Fischer. «Und die anderen vier Berge sind durch den Gletscherrückgang kaum mehr zu bewältigen oder konditionell zu anspruchsvoll. Schliesslich bin ich auch nicht mehr der Jüngste.» Fischer feiert im Dezember seinen 77. Geburtstag. In Tägerwilen aufgewachsen, absolvierte er eine Ausbildung zum Elektromonteur. Zur Ablegung der Meisterprüfung wechselte er nach Zürich, 1970 liess er sich in Domat/Ems nieder, wo er für die Ems-Chemie als Werkstattleiter arbeitete. «Ich hatte Glück, dass mich meine Kollegen immer spontan vertreten konnten», sagt Fischer. «So konnte ich bei schönem Wetter auch einmal unter der Woche in die Berge.»

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Mit seiner Frau lebt Rudolf Fischer noch immer in der Bündner Gemeinde Domat/Ems. Margrith Fischer hat ihn auf vielen seiner Bergtouren begleitet. «Wenn er aber wieder einmal alleine ging, habe ich mir manchmal schon Sorgen gemacht, wenn es spät wurde und ich nichts von ihm gehört habe», sagt sie. Sie wusste aber, dass ihr Mann keine Risiken eingeht und im Zweifelsfall lieber umkehrt.

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Zur Umkehr zwangen Rudolf Fischer aber nicht immer nur Gefahren. «Oft endeten Routen aus renommierten Führern im Nichts. Dann musste ich umdrehen und auf eigene Faust einen Weg auf den Gipfel suchen», sagt Fischer. Oftmals habe er die Kletterrouten gleich von Beginn an selbst geplant. «Manche Berge liegen so aus der Welt, da steigt kaum einer hoch. Deshalb gibt es auch nirgendwo eine Beschreibung», sagt Fischer. Mit der Planung von Routen habe er jeweils den Winter verbracht, im Sommer ging's dann z'Berg. Ein treuer Begleiter war ihm dabei oft der Bergführer Paul Nigg.

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Kennengelernt haben sich die beiden, als die Fischers 1986 eine Ausbildungswoche für Bergsteiger in Fels und Eis verbracht haben. Nigg war damals ihr Bergführer. Sie freundeten sich an und waren von da an viel zusammen in den Bergen unterwegs. «Gemeinsam haben wir viele Gipfel bestiegen, auf denen auch Bergführer Nigg noch nie war», sagt Fischer. Sie beide seien ein eingespieltes Team und gingen auch heute noch regelmässig in die Berge. Die Ausbildungswoche von 1986 war für Fischer schicksalshaft. «Von da hatte ich erst das Know-how für die Besteigung der 3000er», sagt Fischer.

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«Die Idee, alle im Kanton Graubünden zu besteigen, kam aber später, als ich bereits etwa 90 Berge über 3000 Meter bestiegen hatte.» Doch das war einfacher gesagt als getan. «Es gab kein Verzeichnis. Ich musste alle Berge in mühsamer Kleinstarbeit zusammentragen», sagt Fischer. So habe er massenhaft Literatur konsultiert und Landkarten abgesucht. Daraus sei dann eine Liste mit den «Zielen» entstanden. Über seine Gipfeleroberungen führt Fischer seit jeher akribisch Buch. Seine Liste ist lang. Denn ausserhalb des Kantons Graubünden kommen noch viele Berge hinzu. Allein 645 verschiedene Gipfel über 3000 Meter hat Fischer weltweit bestiegen. Darunter Berge im Himalaja, in Mexiko oder Ecuador. Fasziniert haben ihn dabei stets Vulkane.

«Weitervererbt habe ich meine Passion für die Berge übrigens nicht, im Gegenteil», sagt Fischer. So sei einer seiner beiden Söhne «ein vergifteter Taucher».

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Die junge Ärztin in der Tiroler Tourengruppe sollte unrecht behalten: «Sie sah das alles etwas pessimistisch. Gegen den Abend des zweiten Tages lockerte sich der Nebel endlich», erinnert sich Fischer zurück. Der Bergführer der Gruppe, der das Gebiet sehr gut kannte, habe sich dann gleich orientieren können. «Völlig entkräftet sind wir zu einer Hütte abgestiegen», sagt Fischer. «Erstaunlicherweise trugen wir aber keine Erfrierungen davon, sondern Sonnenbrände.» Die Haut habe sich von den Gesichtern der Leute geschält. Fischer erklärt sich das mit der permanenten Sonneneinstrahlung im Nebel. «Die alpine Sonne ist auch nicht zu unterschätzen, wenn es Nebel hat. Seit da habe ich immer eine Tube Sonnencrème dabei.»

2009: Rudolf Fischer auf 3195 m auf dem Punta Sertori. (Bild: Picasa)

2009: Rudolf Fischer auf 3195 m auf dem Punta Sertori. (Bild: Picasa)

2009: Sonnenschein auf dem Gipfel des 3162 m hohen Il Dente. (Bilder: pd)

2009: Sonnenschein auf dem Gipfel des 3162 m hohen Il Dente. (Bilder: pd)

Im Sommer steigt der 76jährige Rudolf Fischer immer noch oft in seine Bergschuhe. Seinem Ziel, alle Berge über 3000 Meter im Kanton Graubünden zu besteigen, ist er nahe. (Bild: Ralph Ribi)

Im Sommer steigt der 76jährige Rudolf Fischer immer noch oft in seine Bergschuhe. Seinem Ziel, alle Berge über 3000 Meter im Kanton Graubünden zu besteigen, ist er nahe. (Bild: Ralph Ribi)