Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Im «Wilden Westen» der Gemeinde

ROTZENWIL. Politisch gehört das Dorf Rotzenwil zu Muolen. Die Primarschule besuchen die Kinder in Sitterdorf und Zihlschlacht, die Oberstufe in Bischofszell. Die Kirchgänger teilen sich auf Sitterdorf und Zihlschlacht auf. Das Vereinsleben des St. Galler Dorfes ist ebenfalls auf den Thurgau ausgerichtet.
Maya Mussilier
Eine alte Postkarte zeigt die Rotzenwiler Häuser. (Bild: Nana do Carmo)

Eine alte Postkarte zeigt die Rotzenwiler Häuser. (Bild: Nana do Carmo)

In den späten 1850er-Jahren liessen sich vermehrt Bauern aus dem Kanton Bern in der Ostschweiz nieder. Einer davon ist ein Vorfahre von Walo Münger: «Ein Johann Münger ist 1860 aus dem bernischen Kirchlindach nach Rotzenwil gezogen. Später hatte es sogar einmal fünf Familien Münger, die in diesem Dorf mit elf Liegenschaften wohnten», erzählt Walo Münger, der heute als einziger der Linie mit seiner Familie noch im Dorf lebt.

Ebenfalls aus dem Kanton Bern zugewandert waren die Familien Rüfenacht. Sie ist noch die einzige Familie mit zwei Höfen im Ort. «In der Region gibt es noch mehr typische Berner Geschlechter wie Frieden, Buri, Schori oder Rieser», sagt Walo Münger.

Zwischen zwei Kantonen

Nicht nur, dass Rotzenwil früher fest in Berner Hand war, ist speziell an dem Dorf, das auf einem Hochplateau über Muolen thront. «Politisch gehören wir zur St. Galler Gemeinde Muolen», erklärt Münger. «Schulisch, kirchlich und gesellschaftlich sind wir aber auf den Thurgau ausgerichtet.»

Bis vor einem Jahr besuchten die Rotzenwiler Kinder die Primarschule in Blidegg, wo je zur Hälfte Thurgauer und St. Galler Kinder unterrichtet wurden. Seit das Schulhaus vor einem Jahr geschlossen wurde, sind die Primarschüler ins Schulhaus in Sitterdorf eingeteilt. Ebenso besuchen die kleinen Kinder den Kindergarten in Sitterdorf, die Teenager die Oberstufe in Bischofszell.

Auf den Thurgau ausgerichtet

Als sich die Berner in der katholischen Gemeinde Muolen im Kanton St. Gallen niederliessen, wirkte sich das auch auf das kirchliche Leben aus. Die evangelischen Berner besuchten auch die Kirchen in Sitterdorf und Zihlschlacht. Diese starke Ausrichtung auf den Thurgau hat dazu geführt, dass auch die dort ansässigen Vereine im Leben der Rotzenwiler einen grossen Stellenwert haben. «Unser Dorf liegt ganz im Zipfel der politischen Gemeinde und durch die Gegebenheiten mit Schule und Kirche ist unser kulturelles und gesellschaftliches Leben mehr geprägt von jenem unserer thurgauischen Nachbargemeinden», sagt Münger. «Wir waren bis auf die politischen Belange recht eigenständig und werden deshalb gerne als <Wilder Westen> der Gemeinde bezeichnet.»

Veränderte Strukturen

Die Grösse des Dorfes hat sich kaum verändert. Elf Liegenschaften gehören dazu. Geändert haben sich aber andere Strukturen im Dorf. Früher waren in Rotzenwil mit dem Restaurant Bären und der Käserei zwei gewerbliche Betriebe und neun selbständige Bauern angesiedelt.

Vor neun Jahren musste die Käserei geschlossen werden. «Der Emmentaler machte auch damals eine schwierige Zeit durch», sagt Walo Münger. Die Preise seien zusammengebrochen, und für die Käser, welche trotzdem die ganzen Strukturen aufrechtzuerhalten hatten, wurde es eng. Seit der Schliessung der Dorfkäserei liefern die Bauern ihre Milch in die Käserei nach Hagenwil. Mit dem «Bären» geblieben ist der beliebte Dorftreffpunkt.

Ein Pionier in Rotzenwil

Doch auch die Zahl der selbständigen Bauern hat stark abgenommen. Heute gibt es in Rotzenwil nur noch vier Bauernbetriebe. Gewandelt hat sich im Laufe der Zeit auch die Bewirtschaftung. «Vor circa 25 Jahren gab es auch bei uns einen richtigen Obstboom», erzählt Walo Münger. Im Gegensatz zu Muolen, das mit den Hochstammbäumen mehr den Streuobstanbau pflegte, waren in Rotzenwil die Niederstammanlagen ein wichtiges Standbein. «In unserem Dorf gab es in diesem Bereich sogar einen Pionier», sagt Walo Münger. Ein Nachfahre des einst eingewanderten Johann Münger betrieb eine der ersten solchen Obstanlagen im Kanton St. Gallen. Auch war Hans Münger Besitzer des ersten Traktors im Dorf. Dieser wurde noch mit einem Holzvergaser betrieben, denn Diesel war zu dieser Zeit kaum zu bekommen.

Gemeinsam unter dem Baum

Die Strukturen im Dorf haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Die jüngere Generation ist älter geworden, die Käserei geschlossen, einen Laden gibt es nicht. Ein gemütlicher Schwatz wird deshalb gerne gepflegt, wenn der Zihlschlachter Königsbeck zweimal wöchentlich seine Brote ins Dorf liefert.

Ein gesellschaftlicher Anlass führt aber die Rotzenwiler jedes Jahr zusammen. «Wir haben keinen Dorfverein, aber die IG Rotzenwil», erklärt Walo Münger. Diese bestehe aus vier engagierten Frauen im Dorf, die jeweils für eine spezielle Weihnachtsdekoration und die Weihnachtsbeleuchtung im Dorf sorgten. Marianne Künzle, Bea Rizzolli, Trudi Zürcher und Susanne Münger beginnen bereits im Sommer damit, aus Holz die Figuren herzustellen, welche dann im Dezember das Dorf beleben. Ausserdem schmücken sie jedes Jahr eine grosse Tanne weihnachtlich. Am ersten Adventssonntag trifft sich das ganze Dorf zum offenen Singen beim Tannenbaum. Anschliessend wird grilliert und Glühwein getrunken.

Wirtin Pia Glättli und ihr Nachbar Walo Münger vor dem «Bären», der auch heute noch ein wichtiger Dorftreffpunkt ist. (Bilder: Nana do Carmo)

Wirtin Pia Glättli und ihr Nachbar Walo Münger vor dem «Bären», der auch heute noch ein wichtiger Dorftreffpunkt ist. (Bilder: Nana do Carmo)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.