Im Sozialamt häufen sich die Fälle

In Romanshorn ist die Zahl der Sozialhilfe-Dossiers innert zweier Jahre von 100 auf fast 170 gestiegen. Der Stadtrat will jetzt eine zusätzliche Stelle bei der Fürsorge schaffen. Die Entwicklung sei beunruhigend, sagt Stadtrat Peter Eberle.

Markus Schoch
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Auf dem Romanshorner Sozialamt suchen in den letzten Monaten vermehrt Menschen um Hilfe nach. (Archivbild: Reto Martin)

Auf dem Romanshorner Sozialamt suchen in den letzten Monaten vermehrt Menschen um Hilfe nach. (Archivbild: Reto Martin)

ROMANSHORN. Romanshorn wächst stark. Aber noch viel stärker nimmt die Zahl der Fürsorge-bezüger zu. Im Moment führt das Sozialamt 167 Dossiers mit rund 280 betroffenen Personen. Zum Vergleich: Vor knapp zwei Jahren waren es erst 100 Fälle.

Romanshorn steht trotzdem vergleichsweise immer noch gut da. Im letzten Jahr belief sich der Nettoaufwand für die Sozialhilfe auf rund 90 Franken pro Person, womit die Hafenstadt noch deutlich unter dem kantonalen Durchschnitt von 120 Franken liegt und meilenweit entfernt ist von den Zuständen in Arbon mit Ausgaben von 280 Franken pro Person.

Zusätzliche 90-Prozent-Stelle

Damit die zusätzliche Arbeitslast bewältigt werden kann, braucht es mehr Personal im Romanshorner Sozialdienst. Im Budget für das nächste Jahr sieht der Stadtrat eine zusätzliche, mit 90 Prozent dotierte Stelle eines Sozialarbeiters vor. «Bereits im laufenden Jahr mussten Arbeitspensen erhöht werden. Anders geht es nicht mehr», sagt der zuständige Stadtrat Peter Eberle. Es wäre unverantwortbar.

Man gehe davon aus, dass ein Sozialarbeiter höchstens 80 Fälle betreuen könne, vielleicht einmal kurzfristig 100, aber sicher nicht dauerhaft. Denn bei einer solch hohen Zahl sei es nicht mehr möglich, die Klienten eng zu betreuen und alle nötigen Abklärungen zu treffen. «Das wirkt sich unter Umständen auch finanziell negativ aus», sagt Eberle.

Eberle ist in Sorge

Im Budget fürs nächste Jahr sind im Bereich der gesetzlichen wirtschaftlichen Hilfe (Sozialhilfe) Nettokosten von 1,466 Millionen Franken vorgesehen (2014: 1,117 Millionen), was einem Plus von 31 Prozent entspricht.

Eberle bereitet die Entwicklung «gewisse Sorgen». Denn die Wirtschaft laufe momentan nicht schlecht. Und trotzdem fänden zunehmend mehr Menschen keine Arbeit. Betroffen seien vor allem solche mit einer schlechten Ausbildung. Oder sogar mit gar keiner. Zu diesen gehörten vermehrt auch sehr Junge – ohne berufliche Vergangenheit und Perspektive im Arbeitsmarkt, aber teils mit überaus grossen finanziellen Ansprüchen. Einer beispielsweise kündigte schon Monate im voraus an, er werde volljährig und erwarte, dann vom Staat unterstützt zu werden.

Wer nur die hohle Hand machen will, ist in Romanshorn allerdings an der falschen Adresse. «Wir schicken die Jungen sofort in ein Beschäftigungsprogramm und kürzen die Leistungen, wenn nötig bis auf Null, sollten sie sich nicht an die Abmachungen halten», sagt Eberle. Bei Familien sei ein solches striktes Regime schwieriger durchzusetzen, da auch Kinder betroffen seien.

Unerwartete Entwicklung

Die stark steigende Zahl von Sozialfällen in Romanshorn war nicht unbedingt zu erwarten. Denn in den letzten Jahren sind viele moderne Wohnungen gebaut worden, die sich arme Menschen eher nicht leisten können.

Je grösser, städtischer und damit anonymer ein Ort sei, desto grösser sei tendenziell auch der Anteil der Sozialhilfe-Empfänger, sagt Eberle. Diese grundsätzliche Beobachtung zeige sich jetzt auch in Romanshorn. Zudem seien die Mieten bei uns im Vergleich beispielsweise zu denjenigen im Raum Zürich selbst in Erstbezugs-Objekten immer noch billig, sagt Eberle. Ganz abgesehen davon, dass es nicht alle Immobilienbesitzer gleichermassen interessiere, ob sich jemand die drei Zimmer in der neuen Überbauung tatsächlich leisten könne. Einigen von ihnen gehe es vor allem darum, das Haus zu füllen.

Beim Sozialdienst würden sich denn auch hin und wieder Personen melden, die falsch gerechnet hätten und meinten, die Stadt übernehme einfach denjenigen Teil der Miete, der ihre eigenen finanziellen Möglichkeiten übersteige. Das funktioniere aber nur in den wenigsten Fällen, sagt Eberle. «Wer kein Geld hat und Sozialhilfe bezieht, muss in eine Wohnung, die nicht allzu teuer sein darf.» Romanshorn habe wie üblich eine Obergrenze für die zulässigen Mieten festgelegt.

Im Gegensatz zu gewissen anderen Gemeinden nutze die Stadt diesen Spielraum nicht aus, um Sozialhilfe-Bezüger zu vertreiben, sagt Eberle. Es gebe Orte mit so tiefen Ansätzen, dass man dafür nichts Passendes finden könne. «Bei uns ist das nicht so, sonst hätten wir nicht so viele neue Fälle», sagt Eberle.

Absage an Lastenausgleich

Von einem Lastenausgleich im Bereich der Sozialhilfe, wie ihn die Stadt Arbon fordert, hält Eberle nichts. Ein solches Modell widerspreche dem Grundsatz, dass wer zahlt, auch befehlen soll. Wenn die Kosten gleichmässig auf alle Gemeinden und Städte verteilt würden, gebe es keinen Anreiz mehr zum Sparen, weil die Kontrolle fehle. «Ich sehe darum eine solche Lösung nicht», sagt Eberle.

Peter Eberle Stadtrat in Romanshorn, Vorsteher Ressort Soziales (Bild: pd)

Peter Eberle Stadtrat in Romanshorn, Vorsteher Ressort Soziales (Bild: pd)