Im Halbstundentakt durchs Dorf

Ein Stadtbus nach dem Vorbild von Frauenfeld oder Kreuzlingen ist der Wunsch einiger Weinfelder. Auch die EVP pocht auf politischer Ebene auf die Einführung eines solchen. Welche Linien möglich sind, präsentiert der Gemeinderat nun im Konzept «Öffentlicher Verkehr in Weinfelden».

Mario Testa
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Noch übernehmen Postautos in Weinfelden die Funktion eines Ortsbusses. Am meisten dafür genützt wird dabei die Linie 924. (Bild: Mario Testa)

Noch übernehmen Postautos in Weinfelden die Funktion eines Ortsbusses. Am meisten dafür genützt wird dabei die Linie 924. (Bild: Mario Testa)

WEINFELDEN. Sechs Postautolinien gehen von Weinfelden in alle Himmelsrichtungen ab. Bevor sie aufs Land in Richtung Wuppenau, Ottoberg oder Birwinken abzweigen, steuern sie auch einige Haltestellen auf Weinfelder Gemeindegebiet an – und das fast stündlich. Gross war der Druck auf den Weinfelder Gemeinderat daher nie, sich Gedanken über einen Ortsbus zu machen – gern argumentiert er mit dem guten Postautonetz gegen einen solchen.

Nicht zuletzt aufgrund von Aktionen der EVP, politischen Vorstössen der JA sowie des eigenen Alterskonzepts von Weinfelden – darin heisst es, dass die Gemeinde Angebote schafft, um die Mobilität im Dorf zu gewährleisten – hat der Gemeinderat das Thema Ortsbus in die aktuellen Legislaturziele aufgenommen und vor gut eineinhalb Jahren auch eine Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz von Hans Eschenmoser eingesetzt, die ein Konzept für einen Ortsbus erarbeiten sollte. Den Auftrag zur Erarbeitung des Grundkonzepts erhielt das Frauenfelder Büro Widmer AG. Die Planer haben nun ihr 27seitiges Konzept vorgelegt, über das das Gemeindeparlament am 15. September diskutieren wird.

Schwache Erschliessung mit öV

In der Analyse der jetzigen Situation haben die Planer zuerst festgestellt, wie viele Passagiere heute schon mit den Postautos in Weinfelden verkehren. Dabei zeigt sich, dass die östlichen Wohngebiete im Aeuli, das Gebiet Güttingersreuti sowie das Industriegebiet Oberfeld stark frequentiert werden – alles Haltestellen der Postautolinie 924. Dazu wird auch häufig beim Betriebszentrum der TKB ausgestiegen sowie im Wohngebiet an der Wilerstrasse. Fast alle Postautobenützer steigen am Bahnhof zu oder ein, nützen die Busse also kaum für Fahrten innerhalb des Ortes. Des weiteren hat sich bei der Analyse des Istzustandes gezeigt, dass die ÖV-Erschliessung in Weinfelden schwach ist.

Viele Gebiete beispielsweise entlang der Umfahrungsachse oder an den Hängen des Ottenbergs sind gar nicht erschlossen, die anderen weisen aufgrund des Stundentaktes nur eine geringe Erschliessungsqualität auf. «Das ist für Verbindungen innerhalb von Weinfelden eine ungenügende Erschliessungsqualität», schreiben die Planer vom Büro Widmer in ihrer Analyse.

Diese grosse Angebotslücke schliessen könnte ein Ortsbus, und für diesen haben die Planer mit der Arbeitsgruppe nun verschiedene Varianten der Linienführung durchgerechnet und verglichen. Sie definierten auch wichtige Zielgebiete in denen beispielsweise gewohnt, gearbeitet oder eingekauft wird. Hohe Priorität haben sie der Güttingersreuti, dem Einkaufsgebiet im Westen oder den Industriegebieten entlang der Umfahrungsstrasse eingeräumt. Mehr als 250 Meter sollte keine Haltestellen von diesen Punkten entfernt sein. Zudem setzen die Planer das Ziel, den Ortsbus im Halbstundentakt zu betreiben.

Aufgrund der Analyse haben die Arbeitsgruppe und Planer vier Varianten einer Linienführung mit unterschiedlicher Stossrichtung ausgearbeitet:

• Grundversorgung bisher nicht erschlossener Gebiete

• Ergänzung der Postautolinien zum Halbstundentakt

• Ortsbus im Halbstundentakt

• Ortsbus optimiert auf Ziele

Allen Varianten zugrunde liegt die Vorgabe, möglichst mit nur einem Bus auszukommen, um die Kosten nicht unnötig in die Höhe zu treiben – diese werden beim Ortsbusbetrieb mit einem Fahrzeug auf rund 250 000 bis 300 000 Franken pro Jahr geschätzt. Zudem gewichtete die Arbeitsgruppe eine gute Erschliessung weniger Gebiete höher, als die minimale Erschliessung vieler Gebiete. Sie hat beschlossen, die Variante «Ortsbus im Halbstundentakt» weiterzuverfolgen und genauer unter die Lupe zu nehmen (siehe Karte).

Da nur ein Bus eingesetzt werden und trotzdem jede Haltestelle alle halbe Stunde angefahren werden soll, darf eine Fahrt pro Nord- und Südast höchstens eine Viertelstunde dauern. Alternierend soll der Bus also die beiden Äste bedienen – was auch den Vorteil bringt, dass beispielsweise für die Fahrt von der Humana ins Hallenbad nicht umgestiegen werden muss. Mit Testfahrten haben die Planer überprüft, ob der Fahrplan eingehalten werden kann.

Als Nachteil bezeichnen die Planer, dass die Fahrzeiten nicht optimal auf die Anschlüsse am Bahnhof angepasst werden können. Daher sei in den Hauptverkehrszeiten der Viertelstundentakt anzustreben, was wiederum nur mit einem zweiten Bus machbar wäre. Klar ist, dass am Sonntag kein Ortsbus fahren soll, aus Kostengründen. Definiert wurde von den Planern und der Arbeitsgruppe auch, dass die Ticketautomaten im Bus installiert sein sollen und nicht an den Haltestellen. Noch nicht abschliessend geklärt ist die Standortfrage der Haltestelle am Bahnhof – sie sollte kurze Haltezeiten ermöglichen und nah bei der Unterführung sein.

Gemeinderat lehnt Ortsbus ab

Der Ortsbus Weinfelden würde, falls das Gemeindeparlament der Ausarbeitung einer Detailabklärung und der Erstellung einer Abstimmungsvorlage zustimmt – und diese dann auch wiederum von Parlament und Stimmvolk abgesegnet wird – zuerst in einer vierjährigen Versuchsphase betrieben werden. Danach könnten Anpassungen vorgenommen oder das Angebot wieder aufgehoben werden, sollte es nicht den gewünschten Effekt erzielen.

Der Gemeinderat kommt in seinem Bericht zum Konzept zum Schluss, dass es keine finanzierbare Ortsbus-Lösung gibt, die die Bedürfnisse aller Einwohner abdecken könnte, nur eine Kompromisslösung sei möglich. Für den Gemeinderat ist der Ortsbus auch zu teuer und der Nutzen aufgrund der Kleinräumigkeit der Gemeinde zu klein – zu Fuss und mit dem Velo kämen die Weinfelder fast schneller ans Ziel. Daher lehnt er die Einführung mehrheitlich ab. Entscheiden ob die Ortsbus-Pläne jedoch weiterverfolgt werden, muss das Gemeindeparlament an seiner Sitzung vom 15. September. Spricht sich eine Mehrheit gegen die Einführung eines Ortsbusses aus, ist das Thema für den Gemeinderat abgeschlossen und wird ad acta gelegt.

Hans Eschenmoser Vorsitzender Arbeitsgruppe öffentlicher Verkehr Weinfelden (Bild: Mario Testa)

Hans Eschenmoser Vorsitzender Arbeitsgruppe öffentlicher Verkehr Weinfelden (Bild: Mario Testa)

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