Im Fahrwasser des Seefahrers

SALMSACH. Die sonderpädagogische Wohngruppe Magellan mit einem Haus in Salmsach und zwei externen Wohnungen feiert nächste Woche das 20-Jahr-Jubiläum. Der Start war schwierig. Die Wogen haben sich aber längst geglättet.

Markus Schoch
Merken
Drucken
Teilen
Fällt nicht auf: Das Haus Magellan in einem Salmsacher Einfamilienhausquartier. (Bild: pd)

Fällt nicht auf: Das Haus Magellan in einem Salmsacher Einfamilienhausquartier. (Bild: pd)

Es gibt diverse Parallelen zwischen dem portugiesischen Seefahrer Magellan und dem Verein mit gleichem Namen in Salmsach: Beide machten sich auf eine Reise, beide mussten so manchen Sturm überstehen, und beide wurden nicht überall mit offenen Armen empfangen.

Hafen der sozialpädagogischen Wohngruppe war ursprünglich Häggenschwil. Dort wurde es zunehmend eng, so dass der Trägerverein 2010 den Anker lichtete und Salmsach ansteuerte, wo er sich Land gesichert hatte. Die Nachbarn wollten die Neuankömmlinge aber nicht in ihrem Quartier willkommen heissen. Sie versuchten, die Baupläne mit Einsprachen zu verhindern – erfolglos.

Im weiteren Verlauf unterscheiden sich die beiden Geschichten allerdings stark. Magellan starb 1521 bei einem Angriff auf die philippinische Insel Mactan, bevor er als erster die Welt umsegeln konnte, der gleichnamige Trägerverein dagegen schloss Frieden mit den Bewohnern im Salmsacher Riethag-Quartier. «Wir sind mittlerweile sehr gut integriert», sagt Martin Bärlocher, der stellvertretende Leiter der Wohngruppe. «Ich habe nie ein negatives Wort im Zusammenhang mit uns gehört.» Alle an Bord würden sich um eine gute Nachbarschaft bemühen. «Wir wollen nicht auffallen.»

Zehn Bewohner

Mit «wir» meint er vor allem die zehn Jugendlichen, die aktuell in der Wohngruppe leben: Sechs im Hausteil 1, vier im Hausteil 2. Alle Bewohner sind von der IV in Salmsach plaziert worden und sollen hier den Schritt in die Selbständigkeit schaffen – auch beruflich.

Laut werden könnte es ohnehin fast nur abends oder an den Wochenenden. Denn tagsüber gehen die 15- bis 21-Jährigen einer Arbeit nach – fast alle machen eine Ausbildung im Brüggli in Romanshorn. «Mit der Sozialunternehmung pflegen wir eine sehr gute Zusammenarbeit», sagt Bärlocher.

Laut wird es aber auch abends und an den Wochenenden kaum einmal: Das lassen die insgesamt acht festangestellten Mitarbeiter in der Wohngruppe (480 Stellenprozente) sowie Praktikanten und Aushilfen nicht zu. Sie betreuen die Jugendlichen eng, vor allem diejenigen im Haus 1. Dort erhält ein Zimmer, wer die meiste Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags braucht und beispielsweise nicht immer selber rechtzeitig aufstehen würde. Und diese Unterstützung erhalten sie im «Magellan»: Die Teammitarbeiter helfen in schulischen und finanziellen Belangen, gehen mit den Jugendlichen ins Fitness oder leiten sie beim Kochen an.

Eltern ins Boot holen

«Wir wollen aber keine Ersatzeltern sein», betont Bärlocher. Vielmehr würden sie versuchen, die leiblichen Eltern ins Boot zu holen. «Der regelmässige Austausch mit ihnen ist uns sehr wichtig.»

Im Haus Magellan bleiben die Jugendlichen in der Regel zwei bis drei Jahre – je nachdem, wie lange die Lehre dauert. Findet jemand danach nicht sofort eine Anstellung, kann er noch ein halbes Jahr länger bleiben. «Wir wollen niemanden auf die Strasse stellen», sagt Bärlocher. In der Regel finde sich eine Lösung. Auch bei Problemen am Arbeitsplatz. «Lehrabbrüche sind selten, ebenso gravierende Vorfälle im Haus», sagt Bärlocher.

Überschaubare Grösse

«Unser Erfolgsmodell ist die überschaubare Grösse. Wir können schnell, individuell und gezielt reagieren, wenn es nötig sein sollte.» Das habe sich mittlerweile herumgesprochen.

Die Zimmer zu vermieten, sei denn momentan auch kein Problem, sagt Bärlocher. «Die Anfragen kommen von allein, oft übers <Brüggli>.» Trotzdem ist das Leben von Bärlocher und seinen Kollegen nicht immer völlig sorgenfrei. «Wir müssen beharrlich am Ball bleiben. Und trotzdem gibt es immer wieder Feuerwehrübungen.»

Zu spüren bekommt das Haus Magellan bei den Tarifverhandlungen mit dem Kanton auch den Spardruck bei der IV. «Leider zeigte sich, dass vor allem im Personalsektor Einsparungen gemacht werden mussten», heisst es dazu im Jahresbericht des Jahres 2013. Die Herausforderung für Leitung und Team sei gross gewesen. Doch beide hätten die Turbulenzen mit Bravour gemeistert: Das Angebot habe nicht eingeschränkt werden müssen. Die Verantwortlichen sind bereits daran, neue Ufer zu erkunden. «Es gibt Visionen, das Angebot zu erweitern», sagt Bärlocher. Auch Magellan liess sich in schwierigen Zeiten nicht vom Ziel abbringen.

Martin Bärlocher Stellvertretender Leiter im Haus Magellan (Bild: pd)

Martin Bärlocher Stellvertretender Leiter im Haus Magellan (Bild: pd)