«Ich wünsche mir mehr Windmühlen»

Michèle Liptai arbeitet als Freiwillige beim Solinetz Romanshorn und kümmert sich um die Integration von Flüchtlingen. Im Gespräch erzählt sie, was ihre Motivation ist, zu helfen, und was genau ihre Arbeit ist.

Sibylle Hug
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Michèle Liptai Freiwillige Mitarbeiterin des Solinetz Romanshorn (Bild: pd)

Michèle Liptai Freiwillige Mitarbeiterin des Solinetz Romanshorn (Bild: pd)

Frau Liptai, Sie studieren an der Pädagogischen Hochschule. Frauen in Ihrem Alter interessieren sich für Shopping. Was bewegt Sie dazu, sich für Flüchtlinge zu engagieren?

Michèle Liptai: Nach meiner Arbeit in einem srilankischen Waisenhaus war für mich klar, dass ich auch in der Schweiz weiterhin im freiwilligen Bereich tätig sein will. Nachdem ich von einem Studienkollegen von der Gründung des Solinetzes Romanshorn gehört habe, packten wir die Gelegenheit und besuchten zu dritt die Asylsuchenden in Romanshorn. Die Stimmung, die Dankbarkeit, das familiäre Gefühl, das Internationale und Solidarische sind für mich etwas vom Wertvollsten, das man erleben kann. Darum entschlossen wir uns mitzumachen.

Kaum ein Thema sorgt für so viele Gefühlsregungen wie die Migration: Angst, Ärger, Verunsicherung, Verletzungen, Ohnmachtsgefühle, Wut. Sie sprechen nicht über Flüchtlinge, sondern mit Betroffenen. Was machen Sie dabei für Erfahrungen?

Liptai: Natürlich darf auch bei dieser Thematik nicht generalisiert werden. Einige Flüchtlinge können die genannten Gefühle des Schweizervolkes nachvollziehen und teilen diese sogar. Schliesslich will niemand Auslöser solcher Gefühle sein. Die meisten wären lieber zu Hause bei ihrer Familie und in ihrem vertrauten Umfeld, anstatt hier in einem unbekannten Land von fremder Hilfe abhängig zu sein. Aus diesem Grund versuchen wir, Ängste und Sorgen auf beiden Seiten abzubauen und eine offene Kommunikation zu schaffen.

Wie gehen Sie damit um, mit Ihrem Engagement im Brennpunkt politischer Debatten zu stehen und somit auch als Mitursache der Sorgen von Herrn und Frau Schweizer zu gelten?

Liptai: Ich kann die Sorgen nachvollziehen. Ich versuche, mich mit meinem freiwilligen Engagement dafür einzusetzen, dass die Asylsuchenden nicht auf der Strasse herumhängen, sondern Strukturen erhalten, wo sie mit den Spielregeln unseres Landes bekannt gemacht werden. Eine geflüchtete Person, die gut Deutsch spricht, ein stabiles Umfeld hat und womöglich Arbeitsmöglichkeiten besitzt, gibt weniger Grund zur Sorge als eine Person, die unsere Sprache nicht beherrscht und ihre Tage in Isolation, Langweile und Perspektivlosigkeit verbringt.

Was genau tun Sie und Ihre Kollegen beim Solinetz?

Liptai: Wir versuchen die Gemeinden zu entlasten, weil diese nur beschränkte Möglichkeiten haben, sich um die Asylsuchenden zu kümmern. Da das Erlernen von Deutsch immer wieder als grösstes Bedürfnis erkannt wird, bieten wir seit etwa einem Jahr gratis Deutschkurse an, die gut besucht sind. Dafür dürfen wir gratis Räumlichkeiten in der Heilpädagogischen Schule benutzen. Ausserdem organisieren wir jeden Mittwoch im Betula einen Treff, bei dem sich Einheimische und Asylsuchende begegnen können. Wir kochen, essen und diskutieren. Das dient dem Austausch sowie dem Abbau von Ängsten und Vorurteilen. Ausserdem helfen wir den Asylsuchenden bei alltäglichen Hürden wie beispielsweise Bewerbungen-Schreiben. Der Austausch, das Zuhören und die Vermittlung von Alltagswissen – zum Beispiel wohin mit dem Abfall? – sind bei unserem Engagement zentral.

Kürzlich haben Sie in den Medien nach freiwilligen Personen für den Deutschunterricht gesucht. War der Aufruf erfolgreich?

Liptai: Über den letzten Aufruf haben wir noch keine freiwilligen Personen gefunden. Wir freuen uns aber über jegliche Hilfe.

Am Romanshorner Weihnachtsmarkt haben Sie gesammelt, um Wünsche von Asylbewerbern zu erfüllen. Um welche Art von Wünschen handelt es sich und waren Sie erfolgreich?

Liptai: Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich als erstes bei den Besucherinnen und Besuchern des Weihnachtsmarktes bedanken! Wir konnten in nur wenigen Stunden alle Weihnachtswünsche verteilen und haben sehr positive Rückmeldungen bekommen. Bei den Wünschen handelt es sich um Dinge, die die Grundbedürfnisse decken, wie beispielsweise Zucker, Reis, Nudeln, Schreibutensilien, Shampoo, Waschmittel usw. Die Schenkenden werden die Wünsche in einem Weihnachtsgeschenk zusammenstellen und am 19. Dezember an der Friedenslichtfeier in der Alten Kirche übergeben. So entsteht zugleich der Kontakt zwischen Asylsuchenden und Einheimischen, und die Flüchtlinge bekommen zu Weihnachten nebst den materiellen Geschenken Solidarität und Mitgefühl zu spüren. Alle interessierten Menschen sind ganz herzlich zu dieser Feier mit anschliessendem Imbiss eingeladen.

Was wünschen Sie sich zu Weihnachten?

Liptai: Anstatt ständig gegen Asylsuchende und Migrierende zu kämpfen, sollten wir unsere Art zu denken umstellen und Migration schätzen und nutzen lernen. Der Migration kann niemals ein Ende gesetzt werden. Folgendes chinesisches Sprichwort bringt meinen Wunsch auf den Punkt: Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Schutzmauern und die anderen Windmühlen. Ich wünsche mir zu Weihnachten mehr Windmühlen.

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