«Ich will selber entscheiden»

Mehr Selbstbestimmung fordern die Mitglieder der Gruppe Mitsprache. Es sind Menschen, die mit einem körperlichen oder geistigen Handicap leben müssen. Sie hoffen auf weitere Gruppen und damit Verstärkung.

Rita Kohn
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Ein Infostand als Geschenk: Starthilfe der Gruppe Zürich an die zu bildende Gruppe Thurgau. (Bild: Rita Kohn)

Ein Infostand als Geschenk: Starthilfe der Gruppe Zürich an die zu bildende Gruppe Thurgau. (Bild: Rita Kohn)

amriswil. «Ich möchte sehen, wer nicht Angst bekommt, wenn plötzlich 50 oder mehr Behinderte zusammen auf die Strasse gehen.» Die Moderatorin hält inne. Etwas leiser sagt sie dann: «Alleine sind wir angreifbar. Als Gruppe sind wir stark.» Es ist ein denkwürdiger Abend in der Bildungsstätte Sommeri. Aus Zürich ist die Gruppe Mitsprache angereist, um sich vorzustellen und die Gründung einer Gruppe im Thurgau vorzuschlagen.

Vor fünf Jahren haben sich – unter dem Dach des Bildungsklubs – Menschen mit Behinderung zur Gruppe Mitsprache zusammengeschlossen. Seither verfolgen sie ihre Anliegen sehr konsequent.

Von Basel nach Zürich

Eine von ihnen ist Karin Schönenberger. Vor ein paar Monaten ist sie von Zürich nach Basel gezogen. Seither fährt sie wöchentlich zweimal mit dem Zug zum Treffen der Gruppe nach Zürich. Eineinhalb Stunden pro Weg, sagt sie. Vielleicht wird dereinst eine Gruppe Mitsprache in Basel gegründet. Dann möchte Karin Schönenberger wechseln.

«Ich finde in der Gruppe Solidarität», sagt Silvio Rauch, wie Karin Schönenberger Mitglied der Gruppe Mitsprache. «Die Leute hier sind anders.» Anders sein heisse nicht, dumm sein, fügt er an. Eines der Anliegen der Gruppe ist denn auch die Anerkennung als Menschen mit besonderen Fähigkeiten. «Wir wollen den Begriff <behindert> aus der Welt schaffen», heisst es am Informationsabend in der Bildungsstätte Sommeri. Und sie wollen über sich selber bestimmen. Selber entscheiden, wann sie nach Hause kommen und ins Bett gehen. Oder gleich viel verdienen wie die anderen Arbeitnehmer. «Schliesslich kostet uns ein Trambillett oder eine Kinokarte genau gleich viel.»

Projektarbeit der Hochschule

Dass es zur Präsentation der Gruppe bei der Bildungsstätte Sommeri gekommen ist, ist nicht zuletzt dem Einsatz einer Gruppe von Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste zu verdanken. Sie haben sich im Rahmen eines Projekts mit der Gruppe Mitsprache auseinandergesetzt und deren Anliegen kennengelernt. Mit der Gestaltung von Werbematerialien, einem Film und einem Konzept haben die Studierenden der Gruppe eine wichtige Grundlage geboten. «Viele Kunstprojekte können eine Bewegung sein», erklärt Studentin Seraina Wieser.

So hat die Studentengruppe das Augenmerk bei der Arbeit mit der Gruppe Mitsprache auf die Bewegung in Richtung anderer Menschen gelegt. Der Wunsch, weitere Gruppen zu gründen, damit die Mitsprache besser verankert ist, korrespondierte mit der Aufgabenstellung der Studierenden.

Auf fruchtbaren Boden gefallen

Sowohl die Vorstellung des Projekts wie auch die Idee einer Gruppenbildung im Thurgau sind auf fruchtbaren Boden gefallen. Von der Leitung der Bildungsstätte Sommeri werden die Bemühungen mit grossem Wohlwollen beobachtet. «Wir sind daran interessiert, dass unsere Leute mitreden möchten», betont Gesamtleiter Bruno Würth.

Die Bildung einer Gruppe Mitsprache Thurgau müsse aber ausserhalb der Bildungsstätte und unter anderen Aspekten geschehen. «Die Betroffenen müssen das wollen und sich dafür entsprechend einsetzen. Wir können höchstens eine Art Starthilfe geben.» Wichtig sei zudem, dass die Gruppe nicht eine bildungsstätteninterne Sache bleibe, sondern offen für Menschen ausserhalb sei.