«Ich war sprachlos und glücklich»

Der Schweizer Buchhandel hat die Buchhandlung von Marianne Nagel in Amriswil für den Preis der schönsten Buchhandlung der Schweiz nominiert. Das Geschäft in Amriswil steht mit je einer Buchhandlung in Bern und Zürich in Konkurrenz um den ersten Platz.

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Marianne Nagel hat mit ihrer Buchhandlung den Einzug auf die Shortlist um die Schönste Buchhandlung der Schweiz geschafft. (Bild: Donato Caspari)

Marianne Nagel hat mit ihrer Buchhandlung den Einzug auf die Shortlist um die Schönste Buchhandlung der Schweiz geschafft. (Bild: Donato Caspari)

Frau Nagel, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Nomination erfuhren?

Marianne Nagel: Als ich den Anruf bekam, war ich sehr überrascht und im ersten Moment sprachlos, dann einfach nur glücklich.

Welche Bedeutung hat die Nomination für Sie?

Nagel: Diese Nominierung betrifft unser ganzes Team. Wir sind alle motiviert, uns weiterhin mit grossem Engagement einzusetzen – für unsere Kunden, unsere Branche und das kulturelle Leben unserer Stadt.

Was macht nach Ihrer Einschätzung eine besondere Buchhandlung aus?

Nagel: Da kann ich nur für uns sprechen. Wir bieten ein gepflegtes Sortiment, aktuell und vielseitig – die Kunden sollen unsere Kompetenz sowie unsere Freude und Begeisterung spüren. Ich wünsche mir, dass unser Bücherparadies in der Alltagshektik eine Insel der Ruhe, aber auch ein Ort der Begegnung ist.

Wie finden Sie in der Masse der Neuerscheinungen die richtigen Bücher für Ihr Sortiment? Gibt es hier klare Entscheidungskriterien?

Nagel: Wir durchforsten die Verlagsvorschauen gründlich, lesen Vorabdrucke und kaufen ein, was uns anspricht und beeindruckt. Da wir eine treue Stammkundschaft haben, wissen wir auch, wer welche Autoren oder Themen gerne liest. Bei uns gibt es bei keinem Titel einen Einkaufszwang. Neuerscheinungen von bewährten und bekannten Schriftstellern gehören aber selbstverständlich zum Sortiment.

Wie stark ist ein Buch der Modeströmung unterworfen?

Nagel: Es gibt immer wieder Trends, seit einigen Jahren erscheinen zum Beispiel viele Vampir- und Fantasyromane. Für uns heisst dies aber nicht, dass wir alle Neuerscheinungen dieser Sparte am Lager führen müssen. Die meisten Bücher, die wir am Nachmittag bestellen, sind am kommenden Morgen bereits im Laden, es muss also niemand lange auf seinen Wunschtitel warten.

Buchhändlerin ist für junge Mädchen, die gerne lesen, ein Traumjob. Sehen Sie das auch so oder hat Ihre langjährige Erfahrung den Traum etwas entmystifiziert?

Nagel: Für mich ist es nach wie vor ein wundervoller, kreativer Beruf. Lesen ist aber immer Freizeitbeschäftigung, dafür bleibt an Wochentagen tagsüber keine Zeit.

Sie betreiben eine der letzten Buchhandlungen im Oberthurgau – etliche haben ihre Türen geschlossen. Ist die Buchhandlung ein Auslaufmodell?

Nagel: Ich glaube nicht, auch in Zukunft werden sich idealistische Buchhändlerinnen mit grosser Leidenschaft für die Kundschaft und den wunderbaren, aber arbeitsintensiven Beruf einsetzen.

In Grenznähe hört man immer wieder Klagen, dass die Leute den Einkauf im nahen Ausland vorziehen – auch, weil der tiefe Eurokurs das begünstigt. Ist das auch ein Thema für Sie?

Nagel: Natürlich reagiert man in Grenznähe sensibler, das ist auch für uns ein Problem, aber mittlerweile sind durch den tiefen Euro auch in der Schweiz die Bücher sehr viel günstiger geworden. Wir haben glücklicherweise viele Stammkunden, die den Einkauf in der Nähe schätzen und wissen, dass wir immer bemüht sind, auch Unmögliches möglich zu machen.

Wie stark bildet der Online-Handel eine Konkurrenz zur traditionellen Buchhandlung?

Nagel: Wie in vielen anderen Branchen ist der Onlinehandel eine grosse Konkurrenz, wir müssen vermehrt unsere Stärken ausspielen, vor allem die persönliche Beratung und den schnellen Lieferservice und unsere schönen Geschenkspäckli.

Mehr und mehr setzen die Verlage auf E-Books. Wird das reale Buch verschwinden?

Nagel: Ich glaube an das gedruckte Buch. Ein Buch in den Händen zu halten, ist doch ein sinnliches Erlebnis. Papier fühlt sich warm an, ich mag das Geräusch beim Umblättern und ich liebe Lesezeichen, seien es Stoffbändel, Fotos oder Postkarten – auch kann ich mir nicht vorstellen, dass man Kindern die Gutenachtgeschichte vom E-Reader vorliest oder einen Bildband elektronisch durchblättert. Niemandem kann man vorschreiben, was oder wie er lesen soll, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten werden wohl Bücher und E-Reader nebeneinander Platz haben.

Ein deutscher Bestseller-Autor hat bei Ihnen in Amriswil die Premiere seines neuen Romans gefeiert – wie kommt es zu solchen Anlässen?

Nagel: Am Anfang steht die Begeisterung und die Verbreitung eines Titels, erst dann sucht man via Verlag den Kontakt zum Autor, organisiert vielleicht eine Lesung in Amriswil und wenn man viel Glück hat, trifft man dabei auf wundervolle Menschen. Aus diesen Begegnungen entwickeln sich dann auch Freundschaften, so dass es, wie im Fall von Jan Phillip Sendker, mit «Herzenstimmen» zu einer Premiere in Amriswil kommt. Jede Veranstaltung muss durch ihr Ambiente einzigartig sein.

Sie sind täglich von Hunderten von Büchern umgeben. Mögen Sie privat überhaupt noch lesen?

Nagel: Ja natürlich, der Tag müsste nur doppelt so viele Stunden haben. Vorrang haben immer die Neuerscheinungen, für ältere Bücher, die ich manchmal gerne lesen würde, reicht dann oft die Zeit nicht mehr.

Was liegt derzeit für ein Buch auf Ihrem Nachttisch?

Nagel: «In Küstennähe» von Joachim B. Schmidt, das beeindruckende Début eines Bündner Autors der in Island lebt und dessen Roman auch dort spielt.

Interview: Rita Kohn

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