«Ich staunte über die Autonomie»

Der Amriswiler Schulpräsident Markus Mendelin stellt sich für eine dritte Amtsperiode zur Verfügung. Er blickt auf eine ereignisreiche Zeit zurück und rüstet sich für das Projekt Lehrplan 21. Den Wechsel aus der Agglomeration Zürich in die Thurgauer Provinz hat er nie bereut.

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Schulpräsident Markus Mendelin vor dem Schulhaus Nordstrasse. (Bild: Nana Do Carmo)

Schulpräsident Markus Mendelin vor dem Schulhaus Nordstrasse. (Bild: Nana Do Carmo)

Herr Mendelin, hinter Ihnen liegen zwei Amtsperioden als Schulpräsident in Amriswil. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Markus Mendelin: Meine Erwartung war, die Volksschule in der Gemeinde stärker zu verankern und eine breite Vernetzung der Schule mit der Gesellschaft zu erreichen. Das ist für mich etwas Elementares. Unter Bildungslandschaft versteht man ein ganzheitliches System. Bildung geschieht nicht nur in der Schule. In den letzten Jahren ist es uns gelungen, ein Netzwerk aufzubauen, in dem alle Partner eingebunden sind.

Also haben Sie das gesteckte Ziel erreicht?

Mendelin: Das primäre Ziel war, die Sekundarschule und Primarschule in eine Volksschulgemeinde zu führen. Auf der politischen Ebene hiess das, auch die beiden Schulgemeinden Hefenhofen und Sommeri zu integrieren. Das ist ohne Ressentiments gelungen. Heute wünscht sich niemand die alte Situation zurück. Das hat auch eine externe Evaluation ergeben.

Sie sind vor bald acht Jahren aus der Nähe der Stadt Zürich in die Thurgauer Provinz gezogen. War diese Veränderung kein Problem für Sie?

Mendelin: Das habe ich nicht so empfunden. Ich habe schnell gemerkt, dass das Schulsystem im Thurgau gravierende Unterschiede zum Zürcher System aufweist. In Zürich ist fast alles bis ins Detail geregelt. Da habe ich zunächst über die Autonomie der Schulgemeinden im Thurgau gestaunt. Während in Zürich viel von Teilautonomie gesprochen wird, ist diese im Thurgau schon umgesetzt.

Sie sind als Zürcher in den Thurgau gekommen. Gab es Ihnen gegenüber Vorbehalte?

Mendelin: So wohlwollend mir Amriswil auch im Vorfeld gegenübergetreten ist, so war mir doch schnell klar, dass das System Schule Amriswil nicht auf mich gewartet hat. Ich musste mich von Anfang an durchsetzen und bewähren. Wenn eine unbekannte Person auftaucht, reagieren viele zunächst mal abwartend, manche auch abwehrend.

Also war es ein verhaltener Start?

Mendelin: Ich schätze es ausserordentlich, dass die Amriswilerinnen und Amriswiler fest zu mir gehalten haben. Das auch in der Übergangszeit, als ich zwischen Leben und Tod schwebte. Das war ein guter Start.

Haben Sie es bereut, das pulsierende Umfeld von Zürich zu verlassen, um sich in Amriswil niederzulassen?

Mendelin: Nein, keinen Augenblick. Meine Frau und ich sind davon überzeugt, dass wir hier eine hohe Lebensqualität angetroffen haben und ein weitgehend intaktes Gemeinwesen.

Sozusagen eine heile Welt?

Mendelin: Es gibt auch hier Sachen, die Probleme bereiten. Gleich zu Beginn meines Amts hat sich eine Problemzone in der Sekundarschule abgezeichnet. Noch nie besuchten so viele Schülerinnen und Schüler die Sekundarschule in Amriswil wie zu jener Zeit. Die geburtenstarken Jahrgänge standen vor der Berufswahl, was einige Probleme bereitete. Deshalb haben wir in diesem Bereich das erste Projekt umgesetzt, das Projekt Brückenbauer.

Worum geht es dabei?

Mendelin: Die Lehrerinnen und Lehrer mussten sich für den Berufsunterricht fit machen. Wir haben auch nach Möglichkeiten gesucht, Jugendliche an die Berufswelt heranzuführen. Die Schulsozialarbeit unterstützte durch ein aktives Berufswahlcoaching die suchenden Jugendlichen. Heute hat sich die Lehrstellensituation entspannt. Die geburtenstarken Jahrgänge haben die Schule verlassen, es besteht eher ein Überangebot an Lehrstellen. Wir reagieren darauf, indem wir die Schulsozialarbeit ab dem nächsten Schuljahr aus dem Berufscoaching abziehen. Die beiden Sekundarschulzentren sind nun wieder selber dafür verantwortlich, dass kein Schulabgänger ohne Anschlusslösung bleibt. Das ist aber weiterhin ein zentrales Anliegen. Auch die Gesellschaft muss ein veritables Interesse daran haben, dass es keine Jugendarbeitslosigkeit gibt.

Wenn die Berufswahl nicht mehr im Vordergrund steht, was beschäftigt Sie denn jetzt am meisten?

Mendelin: In den letzten zwei, drei Jahren haben wir am Thema «Frühförderung» gearbeitet. Dazu gehört unter anderem das Projekt «Fit in den Kindergarten», das sehr erfolgreich gestartet ist. Von verschiedenen Seiten wird das Projekt als wegweisend wahrgenommen.

Was ist die Besonderheit daran?

Mendelin: Ein absolut zentraler Punkt für die Förderung der Kinder ist, dass wir auch die Eltern mit ins Boot holen und mit ihnen arbeiten. Das Projekt ist noch ausbaubar – leider konnten wir noch nicht alle Familien, für die das Projekt ideal wäre, dazu animieren, mitzumachen. In diesem Jahr starten wir mit 15 Familien in «Fit für den Kindergarten», nötig hätten es doppelt so viele Familien.

Sie schildern zwei erfolgreich lancierte Projekte. Gab es in den letzten acht Jahren auch welche, die sich nicht verwirklichen liessen?

Mendelin: Neben diesen zwei eigenen Projekten haben wir kantonale Projekte wie die Geleitete Schule, die Durchlässige Sekundarschule und das Frühenglisch eingeführt und die Volleyballschule gegründet.

Aber es gibt auch Projekte, die wir weniger schnell umsetzen können als gedacht. Zum Beispiel die Tagesschule. Auch eines unserer grossen Ziele, die flächendeckende horizontale Vernetzung in der Schule ist noch nicht so weit, wie wir es uns wünschten.

Worum geht es da?

Mendelin: Wir haben in speziellen Konventen alle Lehrkräfte derselben Stufe zusammengefasst. Jährlich treffen sich diese Gruppen zweimal. In einzelnen Stufen klappt das schon sehr gut, andere tun sich noch etwas schwer damit. Die Lehrkräfte sind oft noch sehr schulhausbezogen. Die Fachkonvente Textiles Werken und Werken beispielsweise haben sich aber gut arrangiert. So stelle ich es mir vor. Einen Eindruck davon, wie gut sich das eingespielt hat, konnte man an der letzten AWA, der Amriswiler Weihnachtsausstellung, gewinnen.

In acht Jahren erlebt ein Schulpräsident einiges. Gibt es noch etwas, das Sie herausfordert?

Mendelin: Der Lehrplan 21 steht vor der Türe. Das ist ein grosser Brocken, der auf uns zukommt. Es ist nicht nur quasi eine neue «Gesetzgebung», sondern ein Schulentwicklungsinstrument. Der neue Lehrplan bildet die Heterogenität der Klasse ab. Das System strebt aber zwangsläufig zu Homogenität. Diesen Widerspruch gilt es aufzulösen. Diesen Lehrplan umzusetzen, ist nicht nur eine Herausforderung für die Lehrkräfte und die Schulleitungen, er wird auch die Behörden fordern. Die Behördenmitglieder werden sich das notwendige Basiswissen aneignen müssen, um zu wissen, wovon hier die Rede ist. Das haben wir schon initiiert.

Sie haben einige positive Entwicklungen der Schule Amriswil angesprochen. Wenn Sie die Schule nun auf einer Skala von eins bis zehn bewerten müssten, welche Note bekäme sie von Ihnen?

Mendelin: Wir sind sehr gut unterwegs. Eine Gesamtbeurteilung lässt sich nicht auf eine Note reduzieren. Wir haben Entwicklungspotential. Einiges zu tun gibt es im Bereich Frühförderung. Da können wir uns verbessern und müssen eventuell auch die Stadt als Partnerin ins Boot holen. Unsere Geleitete Schule ist nun vier Jahre alt, auch hier gibt es noch Potential. Das Führungsverständnis ist noch nicht überall gleich entwickelt.

Wie gehen Sie mit Ihrer Öffentlichkeit um?

Mendelin: Ich versuche, so authentisch wie möglich zu bleiben. Wenn immer es geht, bin ich mit meiner Frau unterwegs und das häufig in Amriswil. Wir haben hier viele Freunde und Kollegen, die wir privat und auch in der Öffentlichkeit treffen. Für mich war immer klar: Wenn ich nach Amriswil komme, bin ich auch ein Amriswiler. Oder will einer werden.

Obwohl Sie in den letzten Jahren nicht in Frage gestellt wurden, müssen Sie sich jetzt doch einer Wahl stellen, die theoretisch auch das Ende Ihrer Amtszeit bedeuten könnte. Ist das eine Belastung?

Mendelin: Ja, auch nach sieben nacheinander erfolgreichen Volkswahlen muss man sich immer wieder neu darauf einstellen und lernen, damit umzugehen. Es braucht genügend Selbstvertrauen und Überzeugung, dass man gut gearbeitet hat. Ich habe mein Amt so gut geführt wie möglich.

Interview: Rita Kohn