«Ich konnte es nicht abschätzen»

AMRISWIL. Ein Jahr nach Amtsantritt ist Emil Rusch als Stadtrat zurückgetreten. Eine berufliche Veränderung lasse ihm zu wenig zeitlichen Spielraum und habe Interessenkonflikte mit sich gebracht, begründet Rusch seinen Schritt.

Rita Kohn
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Rücktritt nach einem Jahr: Emil Rusch musste sein Stadtratsmandat aus zeitlichen Gründen niederlegen. (Bild: Rita Kohn)

Rücktritt nach einem Jahr: Emil Rusch musste sein Stadtratsmandat aus zeitlichen Gründen niederlegen. (Bild: Rita Kohn)

AMRISWIL. Nein, absehbar sei diese Entwicklung nicht gewesen, als er sich zur Kandidatur für den Stadtrat entschlossen habe, sagt Emil Rusch. Er habe sich auf das Amt gefreut und habe es auch gerne ausgeübt. Sein unerwarteter Rücktritt habe nichts mit Überdruss zu tun.

«Ich habe mich beruflich anders verändert als geplant», sagt Rusch. Als er sich für das Amt zur Verfügung gestellt habe, sei er davon ausgegangen, dies neben seiner neuen beruflichen Tätigkeit gut bewältigen zu können. Das ist nun nicht mehr der Fall. Als Bauführer in einem ortsansässigen Baugeschäft sei er sehr gefordert und könne nicht mehr so viel Zeit aufbringen, wie es zur Ausübung des Amtes notwendig wäre.

«Wenn, dann richtig»

«Wenn ich etwas tue, dann richtig», sagt Emil Rusch. Deshalb habe er sich überlegen müssen, ob es vertretbar sei, weiterhin im Stadtrat zu bleiben. «Die Bauverwaltung arbeitet ausgezeichnet, sie hätte viele Arbeiten auch erledigen können, ohne dass ich mitrede», sagt er. Es sei aber nicht das Ziel eines Stadtrats, seine Aufgaben an die Verwaltung zu delegieren.

Deshalb habe er sich eine ganze Weile mit der Frage beschäftigt, ob er im Stadtrat bleiben oder zurücktreten solle. «Ich habe das mit mir alleine ausgemacht und mit niemandem darüber gesprochen», sagt er. So sei sein Entscheid zurückzutreten denn auch für viele eine Überraschung gewesen – obwohl er sich die Sache gut überlegt habe.

Dem Ressort verbunden

Grund für den Rücktritt war aber nicht nur die zeitliche Belastung, sondern auch der Interessenkonflikt zwischen der Behörde, die einen Auftrag vergibt, und der Firma, die sich um diesen Auftrag bemüht. Dieser hätte nur umgangen werden können, wenn Emil Rusch mit einem anderen Stadtrat das Ressort getauscht hätte und bei speziellen Konfliktsituationen in den Ausstand getreten wäre. «Mir war das Ressort Bau und Verkehr wichtig, ich fühlte mich mit der Thematik wohl», sagt Emil Rusch. Deshalb wäre ein Ressortwechsel für ihn keine überzeugende Lösung gewesen. Angesichts des Faktors Zeitmangel habe er sich gegen eine solche Rotation entschieden.

Für den Stadtrat bedeutet Ruschs unerwarteter und vor allem kurzfristiger Rücktritt, dass eine mehrmonatige Vakanz zu bewältigen ist. Die Aufgaben würden so lange auf die übrigen Stadträte verteilt, heisst es von Seiten des Stadtrates.

Gemeinsam entschieden

Für seinen Rücktritt in kürzester Zeit habe er sich nach Rücksprache mit dem Stadtammann Martin Salvisberg entschieden, sagt Emil Rusch. Er glaubt nicht, dass es in seinem ehemaligen Ressort nun zu Problemen kommt, weil niemand mit der Thematik vertraut ist. Er hinterlasse kein Chaos, es sei also möglich, sich mit vertretbarem Aufwand einzuarbeiten. Zudem gebe es kaum eine Kommission, in der ein einzelner Stadtrat sitze: «Meistens sind mindestens zwei Stadträte Mitglied.»

Emil Rusch ist sich allerdings bewusst, dass sein kurzfristiger Rücktritt nach verhältnismässig kurzer Amtsdauer bei einigen Bürgerinnen und Bürgern Fragen aufwerfen könnte. Den Verdacht, interne Unstimmigkeiten könnten zu seinem Rücktritt geführt haben, wehrt er gleich ab: «Nein, wir hatten ein gutes Verhältnis im Stadtrat.» Es herrsche eine Atmosphäre, in der die Sachpolitik im Vordergrund stehe. Es sei nicht parteipolitisch taktiert worden.

Anderer Gesichtspunkt

Seine Zeit im Stadtrat wertet Emil Rusch als gute persönliche Erfahrung. «Ich habe gesehen, wie viel Arbeit hinter einem Projekt steckt und welchen Zwängen der Stadtrat unterliegt.» Zudem sei es für ihn wertvoll gewesen, mit Andersdenkenden über Sachfragen zu diskutieren. «Es ist manchmal ganz gut, noch einen anderen Gesichtspunkt kennenzulernen.» Diesen Bereich seiner Amtszeit werde er auch vermissen.