Ich habe es eilig

Leuchtturm

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Der Titel dieses «Leuchtturms» lässt die Geschichte vermuten von einer viel beschäftigten Person, die dringende Geschäfte zu erledigen hat. Aber sie geht ganz anders: Ich war in einem der schönen Romanshorner Wohnquartiere unterwegs. Die Kindergarten- und Schulkinder waren lachend, plaudernd und – ja – auch streitend auf dem Heimweg. Plötzlich hörte ich ein Kind laut und bitterlich weinen. Ein älterer Mann blieb kurz bei ihm stehen, strich ihm über den Helm, ging aber dann weiter. Einige Kinder liessen das heulende Kind achtlos stehen.

So trat ich zu ihm und fragte, was denn los sei. Schluchzend erzählte es von seinem Schmerz, aber vor lauter Weinen verstand ich kein Wort. Ich versuchte zu trösten, aber es nützte nichts. Da kam ein kleines Mädchen dazu und fragte: «Warum weinst du?» Das Kind beruhigte sich ein wenig und konnte nun erzählen: «Die Alina hat mich in den Zaun geschupft und jetzt habe ich Bauchweh.» – «Ah ja, die kenne ich, die ist immer sooo gemein. Willst du mit mir nach Hause kommen?» – «Ja», sagt das nur noch leise schnupfende Kind. «Also», sagte die kleine Samariterin, «aber du musst jetzt aufhören mit Weinen, ich habe es nämlich eilig.» Das Kind wischte die letzten Tränen weg, packte sein Kickboard, und hurtig waren die Beiden weg.

Ich habe mich gefreut über das herzhafte Handeln des Mädchens, musste aber auch nachdenklich schmunzeln über das «Ich habe es eilig» des Kindes. Es tönt doch etwas erwachsen, eben nach dringenden Geschäften. Man könnte nun über das Zeitgefühl von Kindern sinnieren, aber es hat hier wirklich geholfen. Und so schliesse ich diese Geschichte ab, ich habe es nämlich eilig, denn der Redaktionstermin ist tatsächlich unaufschiebbar.

Brigitt Loretan

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