«Ich habe den Schritt nie bereut»

Heute abend leitet der Bischofszeller Stadtammann Josef Mattle zum 30. und letzten Mal eine Gemeindeversammlung. Seine Amtszeit endet nächsten Sonntag um Mitternacht. Mattle blickt mit Stolz und Wehmut auf die 15 Jahre zurück.

Georg Stelzner
Drucken
Teilen
Stadtammann Josef Mattle vor dem Durchgang des Bogenturms in der Bischofszeller Altstadt. (Bild: Reto Martin)

Stadtammann Josef Mattle vor dem Durchgang des Bogenturms in der Bischofszeller Altstadt. (Bild: Reto Martin)

Herr Mattle, Ihre Amtszeit neigt sich dem Ende zu. Zählen Sie bereits die Tage und Stunden?

Josef Mattle: Nein, das mache ich nicht. Ich verspüre Wehmut, freue mich aber auch auf die spannende Zeit, die nun kommt. Bis es so weit ist, werde ich alles tun, um meinem Nachfolger, Thomas Weingart, ein geordnetes Haus übergeben zu können.

Überwiegt die Erleichterung, eine grosse Verantwortung in andere Hände legen zu können, oder das Bedauern, von der politischen Bühne abzutreten?

Mattle: Ich habe grosse Befriedigung empfunden, Bischofszell gemeinsam mit anderen Leuten zu entwickeln. So gesehen bedaure ich es schon, damit aufzuhören, zumal ich kerngesund bin und während meiner Amtszeit nie krank war.

Die Souveränität, mit der Sie öffentliche Auftritte bestritten, hat beeindruckt. Haben Sie diesen Aspekt Ihres Amtes genossen?

Mattle: Ja, das ist tatsächlich so. Mir hat es Spass gemacht, Bischofszell gut und mit Würde zu repräsentieren. Nicht allen hat gefallen, wie ich das gemacht habe. Das weiss ich. Mir war aber immer klar, dass das ebenfalls zu meinen Aufgaben gehört und es wichtig ist, in dieser Rolle eine gute Figur zu machen. Ich habe es für Bischofszell getan und nicht, um meine Person in den Vordergrund zu stellen.

Ist man als Stadtoberhaupt trotz zahlreicher Kontakte gelegentlich auch ein einsamer Mensch?

Mattle: Dank meiner Familie blieb mir diese Erfahrung erspart. Meine Frau Lisa, meine drei Kinder und meine Brüder Markus und Roman waren für mich da, wenn ich sie brauchte.

Wer gab Ihnen sonst noch den nötigen Rückhalt, um schwierige Situationen zu meistern?

Mattle: Ich durfte zum Glück auch auf gute Freunde zählen, die mir den Rücken stärkten. Wichtig war mir auch, dass die Bischofszeller Bevölkerung – trotz massiver Anfeindungen von Seiten meiner Gegner – mehrheitlich hinter mir gestanden ist und meine Entscheidungen, die ich als Stadtammann traf, gutgeheissen hat.

Anhänger wie Gegner bescheinigen Ihnen, Bischofszell geprägt zu haben. Hat Bischofszell respektive das Amt auch Sie geprägt?

Mattle: Meine Menschenkenntnis, die vorher schon recht gut war, hat sich im Amt nochmals vertieft. Ich machte die Erfahrung, dass man Menschen beziehungsweise ihre Art nicht ändern kann – ganz egal, was man selber tut oder wie man sich selber ihnen gegenüber verhält. Das war in den vergangenen 15 Jahren eine wirklich prägende Erkenntnis.

Sie und Ihre Familie mussten auch sehr schwierige Phasen durchstehen. Haben Sie jemals bereut, sich für das Amt des Bischofszeller Stadtammanns zur Verfügung gestellt zu haben?

Mattle: Nein, ich habe den Schritt nie bereut. Wäre es so gewesen, hätte ich nicht gezögert zurückzutreten oder von einer Kandidatur Abstand zu nehmen. So konsequent wäre ich gewesen.

Sie treten zu keiner Wahl mehr an. Widerstehen Sie in Anbetracht dieser Tatsache der Versuchung, am Ende Ihrer Amtszeit mit den einstigen Widersachern abzurechnen?

Mattle:Ja, ich widerstehe dieser Versuchung. Ich verzichte vorläufig darauf, alles offenzulegen, obwohl ich haargenau weiss, wer hinter meinem Rücken die Fäden gezogen hat. Ich werde mich auch niemals dazu hergeben, einen Gegenkandidaten zu einem amtierenden Stadtpräsidenten zu suchen.

Würden Sie etwas anders machen, wenn Sie das Rad der Zeit zurückdrehen könnten?

Mattle: Ich schätze mich nicht als lernresistente Person ein. So gestehe ich heute ein, dass ich zu Beginn meiner Amtszeit die Dinge bisweilen zu forsch angegangen bin und gewisse Leute damit vor den Kopf gestossen habe. Ich war beseelt von meiner Aufgabe und wusste um die grosse Erwartungshaltung in weiten Kreisen der Bischofszeller Bevölkerung.

In welchen Bereichen hat sich Bischofszell während Ihrer Amtszeit am meisten verändert?

Mattle: Bischofszell hat heute in der Ostschweiz und im angrenzenden Ausland einen ungleich höheren Stellenwert als noch vor 15 oder 20 Jahren. Das trifft für die Bereiche Kultur, Sport und Industrie ebenso zu wie für die Entwicklung auf dem Wohnbausektor. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist auch der Mentalitätswandel in weiten Teilen der Bevölkerung. Einwohner, die neu zugezogen sind, werden heute wesentlich schneller als gleichwertige Bürger akzeptiert.

Was hätten Sie gerne erreicht und haben es – aus welchen Gründen auch immer – doch nicht geschafft?

Mattle: Am schwersten wiegt sicher der Umstand, dass in Sachen Verkehrsentlastung der Stadt keine substanziellen Fortschritte erzielt wurden. Nicht gelungen ist es auch, den Stellenwert Bischofszells als Einkaufsort zu erhöhen. Neue Geschäftsleute hierherzubringen, ist sehr schwierig, weil das nötige Bevölkerungs- und damit Kundenpotenzial fehlt. Ich wollte auch noch an der Autobahn zwei Infotafeln «Altstadt Bischofszell» installieren. Zudem bedaure ich, dass es in Schweizersholz und Halden immer noch Bewohner gibt, die das Gefühl haben, dass sie nicht zu Bischofszell gehören.

Gibt es Errungenschaften in Ihrer Amtszeit, auf die Sie stolz sind?

Mattle: Mit Stolz erfüllt mich, dass sich Bischofszell als Wohn-, Arbeits- und Tourismusort sowie als Schauplatz kultureller und sportlicher Anlässe dermassen positiv entwickelt hat. Wir haben weiterhin zwei Bahnhöfe und verfügen mit dem Bürgerhof heute über ein zeitgemässes Wohnen im Alter. Erwähnenswert sind auch die Fortschritte auf dem Gebiet des Stadtmarketings. Im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Stadt war es von grosser Bedeutung, dass es gelungen ist, Land gewinnbringend zu verkaufen und gleichzeitig strategisch wichtige Liegenschaften zu erwerben.

Planen Sie einen völligen Rückzug ins Privatleben oder werden Sie sich ab und an doch zu Wort melden?

Mattle: Politisch werde ich in Bischofszell nicht mehr aktiv sein. Mit einer Ausnahme: Gegen falsche Behauptungen werde ich mich weiterhin zur Wehr setzen.

Wie sehen Ihre privaten und beruflichen Zukunftspläne aus?

Mattle: Während meiner Amtszeit hatte ich viel zu wenig Zeit für meine Familie und meinen Freundeskreis. Das will ich nun nachholen. Meine beruflichen Erfahrungen werde ich in beratender Funktion im Auftrag an Gemeinden weitergeben. Ich werde mich weiterhin für Stiftungen engagieren und für die Bodensee-Marketing GmbH arbeiten. Ebenso für die Expo 2027. Für Bischofszell werde ich nur dann tätig sein, wenn ein konkreter Auftrag an mich ergeht. Und wenn er es wünscht, dann werde ich dem neuen Stadtpräsidenten selbstverständlich mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Berufung: Josef Mattle ist mit Leib und Seele Stadtammann. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Berufung: Josef Mattle ist mit Leib und Seele Stadtammann. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Einsicht: Josef Mattle würde heute einiges anders machen. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Einsicht: Josef Mattle würde heute einiges anders machen. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))