«Ich bin niemandem verpflichtet»

ROMANSHORN. Die Leiterin der Katholischen Kirchgemeinde Romanshorn, Gaby Zimmermann, hat Stellung gegen BTS und OLS bezogen. Das sei kein Problem, findet sie. Im Gegenteil: Die Kirche müsse sich gesellschaftspolitisch engagieren.

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Sagt ihre Meinung: Gaby Zimmermann, die katholische Gemeindeleiterin in Romanshorn. (Bild: Markus Schoch)

Sagt ihre Meinung: Gaby Zimmermann, die katholische Gemeindeleiterin in Romanshorn. (Bild: Markus Schoch)

Frau Zimmermann, Sie haben sich öffentlich gegen BTS und OLS ausgesprochen. Gab es Reaktionen?

Gaby Zimmermann: Ja, positive. Dass ich keine negativen erhalten habe, mag daran liegen, dass man sich bei mir so etwas mittlerweile gewöhnt ist. Es kam aber auch schon vor, dass sich jemand bei der Kirchenvorsteherschaft beschwert hat.

Und was sagt die Kirchenvorsteherschaft dazu, dass Sie sich in die Politik einmischen?

Zimmermann: Solange ich mich als Privatperson äussere, hat die Kirchenvorsteherschaft nichts dagegen. Sie könnte mir auch auch nicht den Mund verbieten. Wir leben in einem freien Land, und nicht in einer Diktatur. Aber es ist für sie natürlich schon problematisch. Man eckt nicht gerne an und verteidigt sich auch nicht gerne für andere.

Sie trennen klar zwischen sich als Privatperson und als Gemeindeleiterin. Geht das überhaupt?

Zimmermann: Die Frage ist, wie man auftritt. Ich kann beispielsweise einen Leserbrief mit Gaby Zimmermann, Gemeindeleiterin, unterzeichnen. Ich kann aber bewusst auch als Privatperson meine Meinung sagen, und dann steht nur mein Name da. Dass ich eine Kirchenfrau bin, ist aber auch nur sehr lokal bekannt, ich bin schliesslich nicht Hans Küng…

Im Zusammenhang mit BTS und OLS waren Sie in einem Inserat der Gegner namentlich aufgeführt, zu denen SP und Grüne gehörten. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie parteipolitisch in eine Schublade gesteckt werden?

Zimmermann: Nein, von meinem kirchlichen Auftrag und meinem Selbstverständnis als Christin habe ich das grosse Privileg, unabhängig zu sein und meine Meinung zu sagen. Ich bin keiner Gruppe und keiner Partei in irgendeiner Art verpflichtet. Meine Überlegung ist immer die: Die wirtschaftlich starken Interessengruppen können sich gut selber wehren, die anderen manchmal nicht so sehr. Mein Augenmerk ist aufgrund meines Verständnisses der christlichen Botschaft auf diejenigen gerichtet, die keine oder eine zu kleine Stimme haben. Wenn es Parteien gibt, die meine Auffassung vertreten, kann ich ihnen nur gratulieren. Ich gehe auch deswegen nicht davon aus, dass ich in eine Schublade gesteckt werde, weil die wenigsten Leute in der Schweiz nur schwarz oder weiss sehen. Gesamthaft habe ich den Eindruck, dass es geschätzt wird, wenn ich meinen Standpunkt sage, auch von vielen, die die Ansicht mal nicht teilen.

Sie sind aber eine Ausnahme, zumindest im Thurgau: Kaum ein anderer Priester oder Pfarrer nimmt öffentlich Stellung zu gesellschaftspolitischen Themen. Woran liegt es?

Zimmermann: Es scheitert oft an der Zeit und an den richtigen Gesprächspartnern. Auf katholischer Seite haben wir in personeller Hinsicht wirklich das Ende der Fahnenstange erreicht. Viele meiner vor allem älteren Kollegen sind froh, wenn sie irgendwie die Kurve kriegen. Das ist nicht zu unterschätzen. Eine öffentliche Stellungnahme muss gut überlegt sein und kann nicht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt werden. Ich selber kenne mich beim Schöpfungsthema aus, dazu kann ich auch etwas sagen, bei vielen anderen Themen nicht, und darum äussere ich mich nicht.

Es ist also nicht auch Furcht vor der Konfrontation, weshalb sich die meisten Ihrer Kollegen nicht politisch exponieren?

Zimmermann: Es wäre schön, wenn eine Konfrontation stattfindet. Heute ist es aber eher so, dass sich Menschen ärgern und einfach von der Kirche abwenden. Wenn es einem nicht passt, geht man einfach. Ich würde mir vermehrt eine Auseinandersetzung im konstruktiven Sinne wünschen.

Die katholische und evangelische Landeskirche verliert immer mehr Mitglieder. Hat es vielleicht auch damit zu tun, dass sie ihre Stimme zu wenig erheben?

Zimmermann: Das Problem ist, dass es nicht einfach den Kirchbürger mit konkreten Erwartungen gibt. Das Feld ist weit. Es gibt so viele verschiedene Strömungen, und nicht nur in der Kirche. Dabei ist es wichtig, sich über die eigene Position klar zu werden, sie auch zu vertreten, ohne sie absolut zu setzen. Aufgabe der Kirche ist es, integrierend zu wirken, Zusammenhänge und Konsequenzen aufzuzeigen, Menschen zusammenzuführen. Ich würde ganz klar sagen, dass ein gesellschaftspolitisches Engagement der Kirchen nötig ist. Die Hilfswerke tun in dieser Beziehung viel. Sie erarbeiten Grundlagen, betreiben Lobbying oder lancieren Petitionen. Das ist sehr wichtig.

Äussern Sie sich auch auf der Kanzel politisch?

Zimmermann: Das mache ich, wenn Politik das meint, was die Werte und Gestaltung des Zusammenlebens angeht, aber meine ganze Art zu predigen ist nicht darauf ausgerichtet, dass ich den Kirchgängern konkrete Ratschläge gebe oder ihnen sage, so müsst ihr das machen. Ich versuche, Zusammenhänge herzustellen und eine christliche Sicht zu zeigen. Da bei einer Predigt nur ich spreche, ist es mir wichtig, die Gottesdienstbesucher nicht zu bevormunden. Ich will ihnen einen Gedankenanstoss mit auf dem Weg gehen. Ich habe die Pflicht, ehrlich zu sein und meine Sicht der Dinge darzulegen, aber ich verstehe es nicht so, dass ich immer recht haben muss.

Wie kommt das an?

Zimmermann: Es wird von einem grossen Teil der Kirchbürger sehr geschätzt, dass die Predigt aktuelle Bezüge hat und nicht abgehoben ist. Aber selbstverständlich gibt es auch Leute, die finden, so etwas gehöre nicht in die Kirche, und es sei einseitig.

Interview: Markus Schoch