«Ich bin eine Macherin»

KESSWIL. In Kesswil kommt es zu einer Kampfwahl ums Amt des Gemeindeammanns. Karin Bétrisey will das Seedorf mit kreativen Ideen weiterbringen und die Planung eines neuen Hafens an die Hand nehmen. «Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen», sagt die 39jährige Raumplanerin.

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«Ein Anliegen ist mir vor allem der Hafen»: Karin Bétrisey am See. (Bild: Reto Martin)

«Ein Anliegen ist mir vor allem der Hafen»: Karin Bétrisey am See. (Bild: Reto Martin)

Frau Bétrisey, Sie wohnen seit etwas mehr als einem Jahr in Kesswil und wollen schon Frau Gemeindeammann werden. Sie trauen sich viel zu.

Karin Bétrisey: Ich bin von Personen aus dem Dorf angegangen worden, die mir sagten, das wäre doch etwas für mich. Zuerst habe ich gezögert, da ich einen super Job habe. Dann sagte ich mir aber: Ja, warum nicht? In der kurzen Zeit, die ich in Kesswil wohne, ist mir das Dorf sehr ans Herz gewachsen. Als Raumplanerin sehe ich aber auch, dass einiges liegen geblieben ist.

Wie meinen Sie das?

Bétrisey: Ich bin überzeugt, dass Stillstand Rückschritt bedeutet. Wenn sich die Gemeinden rundherum entwickeln, kann sich Kesswil nicht eine Käseglocke überstülpen. Diese passive Haltung führt früher oder später in die Fremdbestimmung. Kesswil ist ein wunderschönes Dorf, eines der wenigen am See mit gleich zwei Einträgen der Kategorie «besonders wertvoll» im Inventar der geschützten Ortsbilder der Schweiz.

Gleichzeitig kann das aber eine grosse Einschränkung für die Dorfentwicklung sein, wie das gescheiterte Hafenprojekt gezeigt hat. Es sind kreative Ideen gefragt, wie eine Entwicklung ermöglicht werden kann. Einfach alles Neue zu verhindern, ist wenig hilfreich.

Sie wollen Kesswil als attraktive, aufstrebende Gemeinde entwickeln. Wie soll das gehen?

Bétrisey: Ein Anliegen ist mir vor allem der Hafen. Ich hätte den Elan und die Energie, nochmals einen Neubau anzugehen.

Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen. Die Schaffung eines Dorfplatzes wäre ein weiteres Thema. Ein solcher Begegnungsort fehlt heute. Er wäre so wichtig. Dringenden Handlungsbedarf sehe ich bei einem Verkehrs- und Parkierungskonzept über die ganze Gemeinde. Ich könnte mir auch vorstellen, den ganzen Seeweg aufzuwerten, zum Beispiel mit zusätzlicher Beleuchtung und Bänkli.

Die Ziele des Gemeinderates müssten auf jeden Fall in einem Legislaturprogramm festgehalten werden, an dem er sich messen lassen müsste. Aus der Privatwirtschaft bin ich mich das gewohnt.

Was bringen Sie an politischer Erfahrung mit?

Bétrisey: Als Projektleiterin in einem Raumplanungsbüro bin sehr oft an Gemeindeversammlungen und arbeite eng mit Gemeinden zusammen. Ich war auch gewähltes Mitglied einer Schätzungskommission im Kanton Zürich. Eine politische Karriere habe ich aber nie angestrebt und bin darum parteilos geblieben.

Wo stehen Sie politisch?

Bétrisey: Ich stehe ganz klar in der Mitte. Mit Extremen habe ich Mühe. Wichtiger als die Parteipolitik ist mir die Sachpolitik.

Am Podium Mitte Januar waren kaum Unterschiede zwischen Ihnen und Kurt Henauer auszumachen, der ebenfalls Gemeindeammann von Kesswil werden will. Warum sollen die Kesswiler gerade Sie wählen?

Bétrisey: Ich finde nicht, dass wir identische Kandidaten sind, im Gegenteil. Unterschiedlicher könnten wir fast nicht sein.

Nämlich?

Bétrisey: Ich bin eine Frau, er ist ein Mann, ich bin ein Stück jünger, er ist ein Landwirt, ich komme aus der Raumplanung und habe täglich mit vielen Fragen zu tun, die eine Gemeinde betreffen. Ich habe Führungserfahrung als Geschäftsleitungsmitglied eines grossen Ingenieurbüros und habe Erfahrung in Budgetierung und Finanzplanung.

Sie zu wählen, bedeute kess zu sein, sagen Sie. Sind Sie draufgängerisch, dreist und vorlaut, was kess bedeutet?

Bétrisey: Meine Lieblingsdefinition von kess ist «auf charmante Art ein wenig frech zu sein». Ich bin eine Macherin und würde mich nicht damit zufrieden geben, die Gemeinde einfach zu verwalten und alles so zu lassen, wie es ist. Ich bin gut im Verhandeln. Ein bisschen forsch zu sein, schadet dabei nicht. Kesswil muss eine starke Position entwickeln.

Sie spielen in einer Band Saxophon. Würden Sie auch in Kesswil den Ton angeben wollen?

Bétrisey: Nein, für mich ist Teamarbeit sehr wichtig. Die Gemeinde ist stark, wenn der ganze Gemeinderat stark ist.

Kesswil sei bekannt dafür, gegenüber Sozialhilfebezügern «ein bisschen bös» zu sein, sagte eine Gemeinderatskandidatin am Podium. Vertreten Sie in der Sozialpolitik eine harte Haltung?

Bétrisey: Ich unterstützte dieses Vorgehen.

Wenn man die Sozialhilfebezüger aus dem Schneckenhaus holt und sie auf den Arbeitsmarkt schickt, finde ich das eine gute Sache.

Soll Kesswil die Dorfwiese kaufen?

Bétrisey: Ja, unbedingt. Wenn ein Spekulant das Maximum aus der jetzigen Bauordnung herauspresst, kann das für das Ortsbild von Kesswil sehr nachteilig sein.

Die Gemeinde als Grundeigentümerin hätte viele Vorteile, könnte sich auch den Luxus erlauben, eine lockere Überbauung oder grosse Platzflächen zuzulassen.

Kesswil lebt von den Reserven. In den nächsten fünf Jahren sind Defizite in der Rechnung vorgesehen. Ist das der richtige Weg?

Bétrisey: Längerfristig ist das sicher nicht der richtige Ansatz. Zwar kann so der Steuerfuss gehalten werden. Aber er ist nicht allein entscheidend für die Attraktivität von Kesswil.

Für Zuzüger ist die Infrastruktur ebenso wichtig.

Die Zufahrt zum Badeplatz ist Auswärtigen nur erlaubt, wenn Sie für 100 Franken eine Vignette kaufen, die für Einheimische gratis ist. Würden Sie als Frau Gemeindeammann diese Lösung abschaffen?

Bétrisey: Nein, ich würde warten, bis ich einen besseren Vorschlag präsentieren kann. Die heutige Lösung ist zwar nicht ideal, wurde aber von einer Mehrheit der Kesswiler gutgeheissen. Ein solcher Entscheid ist zu respektieren.

Interview: Markus Schoch

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