«Ich bin ein zufriedener Mensch»

ENGISHOFEN. Alice Jakob aus Engishofen feiert am nächsten Montag ein seltenes Arbeitsjubiläum. An diesem Tag wird sie genau ein halbes Jahrhundert im Familienbetrieb tätig sein. Der Ruhestand ist für die 78-Jährige trotzdem noch kein Thema.

Georg Stelzner
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Alice Jakob blickt ihrem 50-Jahr-Arbeitsjubiläum in der Firma Jakob Fahrzeugbau AG entgegen. (Bild: Reto Martin)

Alice Jakob blickt ihrem 50-Jahr-Arbeitsjubiläum in der Firma Jakob Fahrzeugbau AG entgegen. (Bild: Reto Martin)

Wer in der Firma Jakob Fahrzeugbau AG anruft, muss kein geduldiger Mensch sein. Ist die Leitung nicht gerade besetzt, meldet sich in Windeseile eine freundliche Stimme. Sie gehört Alice Jakob, der Ehefrau des 1993 verstorbenen Firmengründers Willy Jakob. Seit nunmehr fünf Jahrzehnten ist das so, und ans Aufhören denkt die rüstige Seniorin noch lange nicht. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie die Grenze zum Pensionsalter schon lange überschritten hat. «Manche Leute zweifeln an meinem Verstand, weil ich immer noch arbeite», verrät Alice Jakob. Dabei huscht ein verschmitztes Lächeln über ihr Gesicht. Umgehend wird sie aber wieder ernst: «Solange mein Hirn noch einwandfrei funktioniert und ich körperlich fit bin, möchte ich auf jeden Fall weitermachen.»

Versprechen abgegeben

Alice Jakob ist eine bescheidene Frau mit einem grossen Herzen für Menschen und Tiere, und so ist es ihr gar nicht recht, dass sie wegen ihres Arbeitsjubiläums nun im Rampenlicht steht. «Ich will das nicht an die grosse Glocke hängen. Ich habe fünfzig Jahre im Hintergrund gewirkt, und das soll auch so bleiben», betont sie. Dass sie im Unternehmen, das mittlerweile von ihrem Sohn geleitet wird, immer noch die Büroarbeiten erledigt, hat aber auch einen tragischen Hintergrund. «Als mein Mann völlig unerwartet an einem Herzinfarkt starb, habe ich ihm versprochen, dass ich mich um die Firma kümmern werde», erzählt Alice Jakob. So weigerte sie sich auch standhaft, den Betrieb zu verkaufen. «Das kam für mich überhaupt nicht in Frage.»

Ihre Arbeit im Engishofer Unternehmen begann Alice Jakob im Alter von 28 Jahren als Sekretärin. Sie gab dafür ihre Stelle als Filialleiterin bei einem Grossverteiler in Arbon auf. Bald war die gebürtige Winterthurerin aber mehr als eine gewöhnliche Angestellte. Sie verliebte sich in ihren Chef und heiratete ihn. «Wir wussten bald, dass wir zusammenbleiben werden», erinnert sich Alice Jakob, die ihrem Mann zwei Kinder, Tochter Susanne und Sohn Max, schenkte.

Schwere Kindheit erlebt

Das Büro der Firma wurde zu jenem Ort, an dem Alice Jakob fortan ihre ganze Tatkraft zur Entfaltung bringen konnte. Vor allem ihre ausgeprägte Korrektheit trägt hier bis heute Früchte. «Vielleicht bin ich ja ein wenig bünzlig, aber es ist schon mein Stolz, dass alle Konten auf den Rappen genau stimmen», sagt sie. Alice Jakob liebte es aber auch, die Firma ihres Mannes an grossen Ausstellungen wie Olma oder BEA vertreten zu dürfen. Als gelernte Verkäuferin fiel es ihr nicht schwer, sich am Stand zu zeigen und mit Besuchern ins Gespräch zu kommen.

Auf ihren unermüdlichen Einsatz angesprochen, antwortet Alice Jakob: «Ja, ich hätte ein schönes, gemütliches Leben führen können, doch ich fühlte mich meinem Mann und den Kunden verpflichtet.» In den vergangenen 19 Jahren gönnte sie sich lediglich eine einzige Ferienwoche.

Alice Jakob betont immer wieder, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sei. Eine Selbstverständlichkeit ist das eingedenk ihres schweren Schicksals als Verdingkind nicht. Diese schlimmen Jahre vor Augen, habe sie sich fest vorgenommen, dass es ihre Kinder einmal besser haben sollten. Auch der plötzliche Verlust des Ehepartners hat Alice Jakob auf eine harte Probe gestellt. «Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich gar nicht dazu gekommen bin, meine Trauer richtig zu verarbeiten», stellt sie rückblickend fest. Sie habe eben immer zu tun gehabt, und die Arbeit gehe ihr nie aus. «Doch ich bin froh darüber.»

Schreiben als Steckenpferd

In ihrer spärlichen Freizeit widmet sich Alice Jakob, meist zu nächtlicher Stunde, am liebsten der Schriftstellerei. Mit der guten alten Schreibmaschine bringt die Seniorin aber nicht erdachte Geschichten, sondern Episoden aus dem eigenen Leben zu Papier. Das habe für sie einen therapeutischen Effekt und helfe ihr, traurige Erlebnisse zu verkraften, erklärt sie. Alice Jakobs Stimme beginnt leicht zu zittern, wenn sie berichtet, wie ihre Autobiographie kurz vor dem Abschluss gestanden habe, als dreiste Diebe ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht hätten. «Mein Manuskript lag im Tresor, und der wurde eines Nachts gestohlen.» Da Alice Jakob aber gewohnt ist zu kämpfen, hat sie begonnen, die wichtigsten Stationen ihres ereignisreichen Lebens nochmals aufzuschreiben. Ihr grosser Wunsch ist es, die Geschichte ihres irdischen Daseins dereinst in gedruckter Form der Nachwelt überlassen zu können.

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