HOHENTANNEN: Die Crux mit dem «Hirschen»

Das gemeindeeigene Restaurant hat Tradition – und ein Problem. Bereits zum vierten Mal innerhalb eines Jahrzehnts wird ein Pächter gesucht. Der Gemeinderat will eine dauerhafte Lösung und zieht jetzt Fachleute bei.

Georg Stelzner
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Der Landgasthof Hirschen an der Hauptstrasse in Hohentannen; rechts das Gemeindezentrum Hirscheschür. (Bild: Georg Stelzner)

Der Landgasthof Hirschen an der Hauptstrasse in Hohentannen; rechts das Gemeindezentrum Hirscheschür. (Bild: Georg Stelzner)

«Landgasthof sucht Pächter»  heisst es lakonisch auf zwei Tafeln, die beim «Hirschen» auf-
gestellt worden sind. Wer den Hohentannern nicht gut gesinnt ist, könnte glatt behaupten, die Schilder gehörten schon zum Ortsbild. Ganz unrecht hätte man damit nicht, denn der Hilferuf ertönt in unliebsamer Regelmässigkeit immer wieder. Das letzte Wirtepaar hielt noch rund ein Jahr durch, bevor es im Frühling die Segel strich. Seit Ende April ist die schmucke Gaststätte geschlossen, ein neuer Pächter aber weit und breit nicht in Sicht.

Vizegemeindepräsident René Honauer mag den Zustand erst gar nicht schönreden. «Keinem der drei letzten Wirte ist es ge-lungen, das Lokal in Gang zu bringen, und darunter leidet der Ruf des Restaurants.» Verschärft wird die Situation dadurch, dass die Besitzerin des Gasthofs, die Gemeinde Hohentannen, den «Hirschen» nicht so ohne weiteres abstossen, sprich verkaufen kann. «Die Gemeindeversammlung hat vor Jahren in einem Grundsatzentscheid beschlossen, dass das Restaurant im Besitz der Gemeinde bleiben soll», führt Honauer aus und erinnert daran, dass der «Hirschen» ja auch schon bessere Zeiten erlebt habe. Honauer erachtet die Rahmenbedingungen grundsätzlich als gut. Der «Hirschen» könnte sich als Ausflugslokal positionieren, und mit der benachbarten Hirscheschür stehe ein grösserer Saal für Veranstaltungen zur Verfügung. Man müsse sich jedoch bewusst sein, dass der Gasthof nicht ausschliesslich von einheimischen Gästen leben könne. Den Vorwurf, die zuletzt gestrauchelten Wirte im Stich gelassen zu haben, lässt Honauer nicht gelten. Die Pächter seien Unternehmer und müssten das damit verbundene Risiko selber tragen. Der Gemeinderat könne für das Scheitern dieser Leute nicht verantwortlich gemacht werden.

Philipp Stark, Gemeinderat und Präsident der Hirschenkommission, erklärt, worauf es seiner Meinung nach ankommt: «Wer dieses Lokal erfolgreich führen will, braucht Ausdauer, Eigeninitiative und einen finanziellen Background, der es erlaubt, Durststrecken zu überbrücken.» Bei der Suche nach den Ursachen für das sich wiederholende Fiasko zeigen sich die Verantwort­lichen selbstkritisch. Die Mitglieder des Gemeinderates und der Hirschenkommission seien ausnahmslos Laien, und für solche sei es nicht leicht, die richtige Wahl zu treffen, gibt Honauer zu bedenken. Das letzte Wirtepaar habe man falsch eingeschätzt. Die beiden hätten sich finanziell übernommen, und es sei ihnen auch nicht gelungen, alle Gäste zufriedenzustellen. Die schlechte Mundpropaganda habe dann das Ende beschleunigt.
 

Ein Plan B ist für den Gemeinderat kein Tabu

Der Gemeinderat zieht aus dem jüngsten Fehlschlag Konsequenzen. Laut Stark nimmt man bei der Suche nach einem neuen Pächter nun die fachliche Hilfe des Verbandes Gastro Suisse in Anspruch. Man werde grossen Wert darauf legen, dass Bewerber «einen gewissen Leistungsnachweis» erbringen können.

Laut Honauer macht sich der Gemeinderat auch Gedanken über eine alternative Nutzung. So sei vorstellbar, die Gaststätte in einen kulturellen Treffpunkt für Lesungen und Konzerte umzuwandeln. Konkrete Pläne gebe es aber nicht. Primäres Ziel bleibe es, den «Hirschen» als Speiselokal zu erhalten. Nach Möglichkeit solle es noch im Laufe dieses Jahres wiedereröffnet werden.

Kontaktperson

Philipp Stark, Tel. 079 405 97 69.

 

Der «Hirschen» in Hohentannen, eine Liegenschaft mit wechselvoller Geschichte

Der «Hirschen» wurde 1828 von Konrad Stark erbaut. Über Hohentannen führte damals der wichtigste Verkehrsweg von St. Gallen nach Konstanz. Konrad Stark war der Urgrossvater von Georg und Elise Schmidhauser, welche die Gaststätte bis 1975 führten. Fast 150 Jahre war der «Hirschen» ein renommierter Landgasthof an schöner Lage. Dann wurde der «Hirschen» an eine AG verkauft und in ein Kurszentrum umgewandelt. In Hohentannen fehlte es in den folgenden Jahren an fast allem. Der Ruf nach einer Beendigung des unbefriedigenden Zustandes wurde immer lauter. Vermisst wurde insbesondere ein Restaurant. Die Ortskommission war entschlossen, dem Wunsch der Bevölkerung zu entsprechen. Sie packte eine sich bietende Gelegenheit beim Schopf und stellte an der Gemeindeversammlung vom 9. Januar 1989 den entscheidenden Antrag. Die 74 anwesenden Stimmberechtigten hiessen diesen mit grosser Mehrheit gut und genehmigten damit den Kauf des «Hirschen» mit angegliederter Scheune und rund 3000 Quadratmeter Umschwung zum Preis von 900000 Franken durch Übernahme der Hirschen AG sowie den Ausbau der Scheune zu einem Mehrzweckgebäude mit Zivilschutzanlage für 1,8 Millionen Franken. Im Februar 1992 wurde das Restaurant Hirschen mit den Pächtern Anita Wartmann und Hasan Fehimli feierlich eröffnet. (st)
Quelle:«Hohentannen – Geschichte und Geschichten erzählt von Walter Beck», Verlag Huber, Frauenfeld/Stuttgart/Wien 2007.