HOHENTANNEN: «Der Wolf hat hier keinen Platz»

Schafhalter Philipp Stark hat in zwei Nächten mehrere Tiere verloren. Einen wirksamen Schutz für seine kleine Herde kann er sich nicht vorstellen.

Rita Kohn
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Philipp Stark fürchtet um seine Schafe. Drei Lämmer und zwei ausgewachsene Tiere hat der Wolf gerissen. (Bild: Reto Martin)

Philipp Stark fürchtet um seine Schafe. Drei Lämmer und zwei ausgewachsene Tiere hat der Wolf gerissen. (Bild: Reto Martin)

Rita Kohn

rita.kohn@thurgauerzeitung.ch

Früher Montagmorgen: Auf dem Feld liegen drei tote Lämmer. «Sie waren gerade mal drei Monate alt», sagt Philipp Stark bitter. Der Schafhalter aus Hohentannen mag sich diesen Anblick vom 27. Februar nicht in Erinnerung rufen. «Es ist grausam», sagt er. Jetzt, eine Woche danach, wirkt der junge Landwirt noch immer betroffen. Seine Schafe hält Philipp Stark derzeit im Stall. «Ich bin mir aber dessen bewusst, dass sie bald wieder hinaus müssen.» Nur seien sie derzeit so verstört, dass er ihnen noch etwas Zeit gönnen möchte, bevor er sie wieder auf die Weide bringt.

Einen wirksamen Schutz gegen den Wolf gebe es nicht, sagt Stark kopfschüttelnd. Er halte seine Tiere nicht als Haupterwerb, sie sollen vielmehr mithelfen, schwierige Passagen wie steile Borde oder unwegsames Gebiet zu pflegen. «Da lohnt sich die Anschaffung eines Hütehundes nicht.»

Auch ein stärkerer oder höherer Zaun sei keine ernst zu nehmende Option. «Die überspringt der Wolf mühelos.» Einen Eindruck davon habe er an den beiden Abenden bekommen, an denen bei ihm Schafe gerissen wurden. Denn nach der einen Nacht, in der die drei Lämmer starben und ein ausgewachsenes Schaf so stark verletzt wurde, dass der Besitzer es umgehend schlachten musste, schlug der Wolf noch einmal zu. «In der folgenden Nacht hat er ein Schaf gerissen.» Dabei sei der Zaun im Gegensatz zur ersten Nacht unbeschädigt geblieben. «Er muss ihn übersprungen haben.»

Zäune können die Wölfe nicht fernhalten

Ob es wirklich ein Wolf war, der seine Schafe – und Schafe eines benachbarten Bauern – gerissen hat, weiss Philipp Stark noch nicht. DNA-Proben sollen in einigen Wochen Sicherheit bringen. Der Landwirt aus Hohentannen bezweifelt aber, dass es sich um den Riss eines Hundes handelt. «Das müsste ein sehr mächtiges Tier gewesen sein.» Ausserdem schliesst Philipp Stark nicht aus, dass es mehrere Wölfe gewesen sein könnten. Die drei toten Lämmer lagen alle eng beieinander. «Es hat nicht so ausgesehen, als ob sie hätten flüchten können.»

Das in der zweiten Nacht gerissene Schaf blieb für eine weitere Nacht als Kadaver auf der Wiese zurück. «Drei Jäger beobachteten das Geschehen.» Sie wollten wissen, ob der Wolf zurückkommen würde. Doch es näherten sich nur Füchse. «Die haben sich aber gleich wieder verzogen, als sie gemerkt haben, dass wohl ein grösseres Tier das Schaf gerissen hat.»

Damit gerechnet, dass der Wolf nach Hohentannen kommen könnte, hat Philipp Stark nicht. «Ich wusste, dass er im Berggebiet unterwegs ist.» Aber er sei davon ausgegangen, dass er sich nicht in ein so dicht besiedeltes Gebiet wagen würde. «Der Wolf hat hier keinen Platz», sagt der Landwirt voller Überzeugung. Er ist überzeugt, dass jetzt auch im Thurgau Diskussionen über den Abschuss des Wolfes aufkommen.

Obwohl Philipp Stark nicht davon ausgeht, dass der Wolf gleich in die Gegend zurückkehrt, geht er davon aus, dass er nachts nicht mehr gleich gut schlafen wird, wenn die Schafe auf der Weide sind wie bisher. «Wir werden wohl den einen oder anderen Kontrollgang machen», sagt er. Verhindern könne er damit aber nicht, dass seine Herde erneut betroffen wäre. Eine Herde, die diesen Sommer nahezu ohne eigenen Nachwuchs auskommen muss. «Drei Schafe haben kurz vor Weihnachten gelammt, eines wird in Kürze lammen. Mehr trächtige Schafe hatte ich nicht.» Und die drei Lämmer fielen der ersten Wolf-Attacke vergangene Woche zum Opfer.