Hilfe mit «Brot für Argentinien»

BISCHOFSZELL. Sandra und Marius Lang unterstützen hilfsbedürftige Personen in Argentinien mit dem Erlös aus ihrem Chleiderladä. Das Geld fliesst in Projekte wie Mittagstisch und Beratung. Mit dem Secondhandladen in Bischofszell helfen sie auch Schweizern.

Andrea Kern
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Ein Backofen gehört in jeden Haushalt: Wohnhaus und Lehmofen in der Provinz Santiago del Estero. (Bild: pd)

Ein Backofen gehört in jeden Haushalt: Wohnhaus und Lehmofen in der Provinz Santiago del Estero. (Bild: pd)

«Arbeitslosigkeit, Armut und Unterernährung sind keine Seltenheit.» Sandra Lang steht in ihrem Chleiderladä an der Marktgasse und spricht über Argentinien. Jenes Land, das sie und ihr Ehemann Marius mit ihrem Hilfswerk «Brot für Argentinien» unterstützen. Vor allem die Bewohner der nördlichen Landesteile leben in ärmlichen Verhältnissen. In den Bergen ist oft kein sauberes Trinkwasser verfügbar. «Viele wissen davon nichts, da bei uns kaum darüber berichtet wird. Nicht wenige denken, Argentinien sei ein reiches Land.» Doch das war früher einmal so.

«Die Lebensmittelpreise sind enorm gestiegen, und Korruption ist alltäglich», sagt die 47-Jährige und nennt als Beispiel die Kartoffeln, die viermal so teuer sind wie vor einem Jahr. «Nicht, weil der Boden vertrocknet wäre, sondern wegen der Korruption.» Besonders in Buenos Aires sei der Gegensatz zwischen Arm und Reich stark erlebbar, fügt Marius Lang an. «Auf der einen Seite sieht man chic gekleidete Leute, auf der anderen Seite in Lumpen gekleidete <Cartoneros>, welche aus den Abfallsäcken der Reichen Brauchbares heraussuchen.» Die Kriminalitätsrate sei hoch, und es werde wenig für die Bedürftigen getan.

Per Container zu teuer

Gegründet haben Sandra und Marius Lang das Hilfswerk vor über zehn Jahren. In Mallorca hat das Ehepaar Argentinier kennengelernt, die von den Zuständen im lateinamerikanischen Land erzählten und sich erkundigten, ob die beiden Schweizer Schulmaterial schicken könnten. Die Argentinier und Mitglieder einer christlichen Gemeinde führten ein Waisenhaus. «Das gibt es nun nicht mehr, aber die Kinder werden weiterhin von ihnen betreut», sagt Sandra Lang. Ob sie und ihr Mann helfen wollten, stand nicht zur Diskussion, doch es stellte sich heraus, dass das Verschiffen von Hilfsgütern mit Containern zu teuer wäre. Sie entschieden sich deshalb, Geld zu schicken. «Denn Schulmaterial und Kleider gäbe es schon zu kaufen. Nur ist das für die meisten viel zu teuer.»

So begannen die beiden, auf Flohmärkten Kleider zu verkaufen. Von Nachbarn, Bekannten und eigene. Schnell waren mehrere Kisten voll. Mit der Zeit kamen so viele Kleider zusammen, dass sie einen Secondhand-Kleiderladen aufmachten.

Ausbildung und Medizin

Einen Teil des Erlöses schicken die Langs nach San Martin zum Hauptstandort der christlichen Gemeinde. Die Verantwortlichen erhalten Anfragen für die Verwendung des Geldes, wägen ab und verteilen es in Jujuy, Santiago del Estero, San Martin, Moreno und Buenos Aires. Zum Beispiel für den Mittagstisch, Kinderhorte, Beratungsstellen. «Ziel ist, das Geld nicht jemandem in die Hand zu drücken, sondern Projekte zu unterstützen», erklärt Sandra Lang. Hauptsächlich wird es für medizinische Versorgung, Armenküchen, Tagesstätten, Ausbildung, Prävention und Infrastruktur eingesetzt. «Wir vertrauen einander und glauben nicht, dass Geld unterschlagen wird», sagt Sandra Lang. Sie reiste bislang einmal nach Argentinien, Marius Lang zweimal. Und ihre Bekannte besuchten sie in Bischofszell.

Hin und wieder ist das Ehepaar Lang noch heute an einem Flohmarkt zu sehen, aber nicht mehr so oft wie früher. Meist nehmen sie an jenem in St. Gallen teil. Sandra Lang liebt das Ambiente. Schon als Teenager besuchte sie gerne Flohmärkte und Secondhandläden. Doch etwas wollte sie in ihrem eigenen Laden nicht: Er sollte nicht den oftmals typischen Geruch von Secondhandläden ausströmen. Das ist ihr gelungen. Sauber aufgeräumt präsentiert sie das Angebot mit Kleidern für Erwachsene und Kinder, Schuhen, Taschen, Accessoires und Brettspiele. Die Langs helfen damit nicht nur Leuten in Argentinien, sondern auch Schweizern. Zum einen mit günstigen Kleidern. Zum anderen arbeiten Sandra und Marius Lang mit der Kompass Arbeitsintegration zusammen. Sie bieten die Möglichkeit an, im Chleiderladä ein Praktikum zu machen.

Schulkinder am Mittagstisch in der Provinz Santiago del Estero. (Bild: pd)

Schulkinder am Mittagstisch in der Provinz Santiago del Estero. (Bild: pd)