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Hier schneidert die Weltmeisterin

WEINFELDEN/ST.GALLEN. Nadja Humbel ist die beste junge Schneiderin der Welt. Vor ein paar Tagen holte die Weinfelderin in London an den Berufsweltmeisterschaften die Goldmedaille. Sie hat eine Schwäche für elegante Abendkleider und bewundert den Designer Karl Lagerfeld.
Sereina Capatt
Die violette Jacke und der Jupe brachten ihr die Goldmedaille, jetzt ist Nadja Humbel bereits wieder an der Arbeit in St. Gallen. (Bild: Luca Linder)

Die violette Jacke und der Jupe brachten ihr die Goldmedaille, jetzt ist Nadja Humbel bereits wieder an der Arbeit in St. Gallen. (Bild: Luca Linder)

«Wir sind stolz auf unsere Weltmeisterin Nadja Humbel», steht auf einem grossen, goldenen Plakat an der Tür des Ateliers von Karin Bischoff in St. Gallen. Vor wenigen Tagen hat Atelierleiterin Nadja Humbel an den Berufsweltmeisterschaften in London Gold geholt.

Vom Empfang, den ihr Freunde und die Familie mit Fähnchen und Luftballons am Bahnhof in Weinfelden geboten haben, schwärmt die Weltmeisterin. Auf dem Weg zur Arbeit habe ihr eine Frau gratuliert, die denselben Arbeitsweg wie sie hat. «Es ist schon schön, wenn meine Leistung anerkannt wird», sagt Nadja Humbel und strahlt.

Exakte Arbeit ist gefragt

Jetzt ist die Bekleidungsgestalterin bereits wieder an der Arbeit im Atelier von Karin Bischoff Couture. Sie überträgt die Masse einer Kundin auf Papier – millimetergenau muss alles stimmen: Sogar der Umfang des Halses wird gemessen. Mit Geodreieck, Massstab und spitzem Bleistift zeichnet Nadja Humbel einen Ärmel, der später zu einer Jacke gehören soll.

Zuerst näht sie aus einem günstigen Probestoff eine Grundform, um sicherzugehen, dass die zugeschnittenen Masse auch wirklich stimmen. Erst nach der Anprobe wird der teure Stoff zugeschnitten. Bis jetzt hat sie aber noch nie einen Stoff so falsch geschnitten, dass er nicht mehr zu retten war.

An ihrem Beruf schätzt Nadja Humbel, dass sie einzigartige Kleider anfertigen kann. Ins Atelier kämen hauptsächlich Kunden, die massgeschneiderte Kleider für spezielle Anlässe brauchten. Aber auch Personen, die auf Grund ihrer Figur Schwierigkeiten haben, im Laden passende Kleider zu finden. «Ich kann die Wünsche der Kunden genau erfüllen», sagt Nadja Humbel. Ihr Traumberuf war lange Zeit Handarbeitslehrerin. Doch als das Semi für Handarbeit abgeschafft wurde, absolvierte sie in Kreuzlingen eine Lehre zur Bekleidungsgestalterin (früher Schneiderin).

Den Beruf zum Hobby

Mittlerweile arbeitet die 23-Jährige seit sechs Jahren im Beruf. Das Schneidern ist gleichzeitig auch ihr Hobby geworden. «Ich nähe mir meine Abendkleider selber, wenn ich etwas Besonderes für Feste oder eine Hochzeit will.» Die Kleider, die sie im Alltag trägt, kauft sie jedoch in ganz normalen Läden.

Bei ihrem eigenen Kleidungsstil achtet sie darauf, nicht einfach die Trends aus den Modeheftchen zu kopieren. «Ich habe keine Moderichtung, die ich immer trage und auf der ich beharre», erklärt sie. Einen Modedesigner als Vorbild hat sie deshalb nicht. «Ich will meinen eigenen Stil verfolgen.» Doch die Mode von Chanel mit Designer Karl Lagerfeld gefalle ihr sehr gut.

Ein No-Go beim Kleidungsstil gäbe es für sie nicht. «Klar laufen einige Leute lustig gekleidet durch die Strassen.» Aber solange sie sich darin wohl fühlten, sei das auch völlig okay. Die Bekleidungsgestalterin begeistert sich für aussergewöhnliche Stücke. Für eine Kundin musste sie einmal ein schwarzes Hochzeitskleid nähen. «Das fertige Kleid hat mir sehr gut gefallen.»

Sie kann mit Zeitdruck umgehen

Nadja Humbel zeichnet, während sie erzählt, weiter an der Jacke. «Das wird ein Tailleur-Ärmel mit zwei Nähten», erklärt sie. Die Bekleidungsgestalterin arbeitet im Atelier oft unter Zeitdruck. «Viele Kunden sind spät dran mit den Bestellungen.» Eine grosse Bahnhofuhr, die auf dem Computerbildschirm zu sehen ist, verhindert, dass sie die Zeit vergisst. Für das Abendkleid, das die Kundin zu der Jacke wünscht, braucht sie etwa 25 Stunden.

In London an der Berufsweltmeisterschaft hatte sie zur Anfertigung des Jupes zum Thema Oscar-Verleihung nur acht Stunden Zeit. Für viele Konkurrentinnen sei dieser Zeitdruck zum Problem geworden. «Die Asiaten beispielsweise erlernen das Handwerk nur in der Schule.» Für sie sei der Berufsalltag die beste Vorbereitung auf den Wettkampf gewesen. Ausserdem wurde sie von Swisscouture, einem Verein, der junge Schneider fördert, finanziell und mit handwerklichen Tips unterstützt.

Wie es beruflich weitergeht, hat Nadja Humbel noch nicht geplant. Im Frühling schloss sie die Berufsprüfung ab. «Vielleicht mache ich die Meisterprüfung oder die Ausbildung zur Schnitttechnikerin.»

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