Hetze, Hast und Verpflichtungen

Vor 100 Jahren gründete sich der Ermatinger Gewerbeverein. Ein Blick in die Protokolle und Jahresberichte macht deutlich, dass viele Themen von damals auch heute noch aktuell sind.

Kurt Peter
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ERMATINGEN. Der Ursprung des Ermatinger Gewerbevereins geht auf eine Unzufriedenheit zurück, so steht es in den Unterlagen. Am 5. Februar 1915 trafen sich sieben Initianten und Gewerbesekretär Gubler aus Weinfelden im Restaurant Bahnhof. «Trotz des grausigen Ringens und stetig hörbarem Kanonendonner ist doch ein Geflüster von den Ermatinger Mitgliedern des Gewerbevereins Kreuzlingen durchdrungen, dahin deutend: Trennung von Kreuzlingen und Gründung einer eigenen Sektion, und zwar veranlasst durch die seit längerer Zeit sich fühlbar gemachten Untätigkeit der Stammsektion», heisst es im Protokoll.

Starke Währung als Sorge

Die konstituierende Versammlung fand am 14. Februar im Restaurant Schöntal statt. «Der Saal bevölkerte sich zunehmend; das gab uns Gewähr, dass das Interesse über gewerbliche Angelegenheiten noch vorhanden ist.»

Die erste Hauptversammlung folgte am 7. März, nachmittags um 14 Uhr, im Gasthaus Ochsen. Das Hauptthema wäre auch heute aktuell: «Der niedrige Kursstand des deutschen Geldes hat uns in hier gewärtigt, Stellung zu nehmen und soll auch in normalen Zeiten demselben Augenmerk geschenkt werden, auf dass wir nicht immer ein Aufgeld bezahlen müssen», heisst es im Protokoll.

Der Erste Weltkrieg hatte auf die Auftragslage in Ermatingen keinen Einfluss, im Gegenteil. Weil die grossen Betriebe in hohem Umfang für die Armee produzierten, fehlten Arbeitskräfte, und durch den Zuzug herrschte Wohnungsmangel. 1920 setzte eine Wirtschaftsflaute ein. Eine Parallele zur heutigen Zeit lässt sich ziehen. Der Präsident hielt fest, dass «ein Rückgang der Löhne noch nicht erreicht werden konnte und als Ausgleich längere Arbeitszeiten nötig wären. Andererseits fehlen die Aufträge».

Ausstellung im Vinorama

Im Jahr 1963 wurde die schnelllebige Gesellschaft kritisiert: «Der heutige Gewerbetreibende arbeitet nicht nur, er ist gehetzt. Damals ging alles seinen gemütlichen Gang, heute jagt einer den anderen. Es ist leider so, dass die Hetze, die Hast und die Verpflichtungen dem Vereinsleben und der Gesellschaft schaden.»

Sein Jubiläum feiert der Gewerbeverein an der Groppenfasnacht. Die Ausstellung «100 Jahre GVE» im Vinorama zeigt zahlreiche alte Dokumente.