HAGENWIL: Kradolf kann überall sein

Beim Business-Lunch des Gewerbevereins im Schloss referierte Martin Frei über Naturgefahren. Er rief dazu auf, mit dem Thema bewusster umzugehen.

Rita Kohn
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Referent Martin Frei mit der Gefahrenkarte der Stadt Amriswil. (Bild: Rita Kohn)

Referent Martin Frei mit der Gefahrenkarte der Stadt Amriswil. (Bild: Rita Kohn)

Rita Kohn

rita.kohn@thurgauerzeitung.ch

Der Regen war zerstörerisch: innerhalb von wenigen Stunden verwüsteten Wassermassen ganze Gebiete der Gemeinde Kradolf-Schönenberg. Martin Frei weist auf eine Grafik. Der Referent am Business-Lunch des Gewerbevereins im Schloss Hagenwil lässt keinen Zweifel daran: Es hätte nur wenig gebraucht und nicht Kradolf, sondern Amriswil wäre von den Verwüstungen heimgesucht worden. «Kradolf kann überall sein.»

Das Wasser ist denn auch die Naturkatastrophe, die dem Thurgau am ehesten zusetzen kann. Deshalb sei es wichtig, sich der Gefahren bewusst zu sein und sich Gedanken über einen möglichst sinnvollen Schutz zu machen. Martin Frei weiss, wovon er spricht. Der aus dem Kanton Luzern stammende und nun in Amriswil beheimatete Ingenieur beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Materie. Doch nicht nur das Wasser und dessen zerstörerische Kraft ist dem Referenten vertraut, von der Lawine über den Steinschlag bis zum Rutschen und zu Erdbeben kennt er sich mit allen Naturgefahren aus. In seinem abwechslungsreichen Referat zeigt Martin Frei auf, weshalb die Naturgefahren heute oft eine verheerendere Wirkung haben als noch vor rund 100 Jahren. Als dicht besiedelter Lebensraum ist Mitteleuropa anfälliger auf Naturkatastrophen als etwa die USA, die über weitaus mehr Fläche verfügen. «Dort werden gefährdete Gebiete einfach umgangen.»

Schutzmassnahmen sind ein Politikum

In vielen Bereichen wäre es mit entsprechenden Massnahmen möglich, Gefahrenstellen zu entschärfen und grössere Schäden oder gar Todesfälle zu verhindern. Zum einen gehe es um die Eigenverantwortung der Menschen. «Im Fall Bondo hat die Behörde sich vorbildlich verhalten und das gefährdete Gebiet abgesperrt», sagt Martin Frei. «Wie kommt es also, dass dennoch eine Gruppe von Wanderern in diesem Gebiet unterwegs war.» Hätten die Leute den Warnhinweisen und Absperrungen Beachtung geschenkt, könnten sie heute noch leben.

Ausserdem benötigen Schutz­massnahmen gegen Naturgefahren oft Platz. Spätestens dann kommt es zur Opposition von Betroffenen. Mit einem Bild verdeutlicht Martin Frei, was er damit meint: Der im Bereich von Kriessern gerade verlaufende Rhein könnte bei einer Renaturierung wesentlich mehr Wasser führen, ohne über die Ufer zu treten. Das würde aber bedingen, dass heute als Landwirtschaftsfläche genutztes Land dem Fluss überlassen werden müsste. Bereits ab da ist mit starker Gegenwehr zu rechnen. Wenn dann noch dazu kommt, dass die geplanten Massnahmen ins Geld gehen, wird es da und dort schwierig, auf politischem Weg etwas einzuleiten. «Die Menschen vergessen schnell», sagt Martin Frei aus eigener Erfahrung. Gleich unmittelbar nach einem Ereignis sehen die Meisten den Sinn von Massnahmen ein, auch wenn sie kosten. Je länger aber ein Ereignis zurückliegt, desto schwieriger sind die Menschen zu überzeugen.

Mit zwei Filmausschnitten vom Felssturz in Bondo beeindruckt Martin Frei seine Zuhörerinnen und Zuhörer. Die Naturgewalt, die hier sichtbar wird, zeigt die Machtlosigkeit der Menschen in einigen Fällen auf. Der Referent hat ein dankbares Publikum gefunden. Nachdenklich kehren die Gewerbetreibenden in ihren Alltag zurück.