«Hab der Kuh gestern einen heissen Trank eingeschüttet»

EGNACH. Die zurzeit in unserer Gemeinde unter dem Rindvieh herrschende Infektionskrankheit beansprucht insofern erhöhtes Interesse, als sie trotz der gewaltigen Schlächterei kein Ende nehmen will.

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EGNACH. Die zurzeit in unserer Gemeinde unter dem Rindvieh herrschende Infektionskrankheit beansprucht insofern erhöhtes Interesse, als sie trotz der gewaltigen Schlächterei kein Ende nehmen will. Die Abschlachtungen wurden nämlich nicht eingestellt, sondern es mussten nun zwei weitere Ställe daran glauben, und ein anderer Viehstand von ca. 20 Haupt mit zum Teil prächtigem Zuchtvieh harrt des Schlachtbeils.

Verschleppung der Seuche

Infolge dieser Verschleppung hat eine tiefe Besorgnis im Volke überhand genommen, die vielerorts auch in Unwillen ausartet, weil Verschiedenes darauf hindeutet, dass nicht alles getan wurde, um der unsern Viehstand ruinierenden Seuche Einhalt zu gebieten. Das deutet auch eine amtliche Anzeige unseres Gemeinderates an, in der es unter anderem heisst: «Bei der gegenwärtig herrschenden Viehseuche sind wiederholt Klagen eingegangen, dass sich verschiedene Landwirte den bezüglichen seuchenpolizeilichen Massnahmen nicht unterziehen wollen und dadurch die Unterdrückung der Seuche sehr erschweren, ja sogar verunmöglichen.» Namentlich ist in einigen Fällen die ausgebrochene Seuche zu spät zur Anzeige gelangt und dadurch der Weiterverschleppung unstreitig Vorschub geleistet worden. Der Gemeinderat sieht sich dadurch veranlasst, «mit den strengsten ihm zu Gebote stehenden Mitteln gegen die Fehlbaren vorzugehen».

Blasen auf der Zunge

In einem Fall soll der Tierarzt einen Bauer wegen der Blasen auf der Zunge eines Rinds zur Rede gestellt haben, «ob man denn derartiges nicht früher entdecke». «Ja, er habe eben der Kuh am Tage vorher einen heissen Trank eingeschüttet», war die prompte Ausrede.

Es erscheint fast lächerlich, wenn der Gemeinderat nach solchen und anderen Vorfällen erst mit Androhung einer Strafe beginnt anstatt solche im Interesse der Wohlfahrt unserer Gemeinde den Schuldigen ohne Pardon zu überbinden. Der Hauptfehler liegt da eben an der Gesetzgebung. Die Viehseuchenpolizei sollte in solchen Fällen nicht von Gemeindebehörden gehandhabt werden, wo es fast in jeder Gemeinde vorkommt, untereinander alles «Vetter und Bäsi» ist, sondern von Bezirks- oder kantonalen Organen, die weniger Rücksicht nehmen müssen.

Stallkatzen spazieren fröhlich

Dann kann ich es beim besten Willen nicht versehen, wie man dazu kommt, die schönsten Kühe im Wert bis zu 1100 Fr. niederzuschlagen, dafür aber die Stall- und Feldkatzen im Werte von 50 Rp. fröhlich spazieren zu lassen. Das heisst, sie sollten eingesperrt gehalten werden; aber jeder weiss, wie eine an die Ungebundenheit gewöhnte Katze sich in der Gefangenschaft gebärdet, und da lässt man das liebe «Büsi» eben springen; denn es weiss ja niemand, wem es gehört.

Ebenso steht es mit den «Befzgern» und «Kötern». Die haben nachgewiesenermassen schon manche Verschleppung auf dem Gewissen. Nun, die müssten angebunden sein, aber die Hälfte davon wissen sich auf irgend eine Art frei zu machen.

Warum muss das wertvolle Klauenvieh vernichtet werden, wenn man diesen Haustieren beinahe einen Freipass ausstellt? Wahrscheinlich darum, weil im Gesetze noch nicht festgelegt ist, nach welchem Modus Hund und Katze zu entschädigen wären.

Stoff für Humoreske

Leider ist man über die Lebensweise des Erregers der Krankheit im Volke immer noch viel zu wenig unterrichtet. Gegenwärtig werden über die Verbreitung der Seuche zum Teil ganz unsinnige Ansichten geäussert, und wer Stoff zu einer Humoreske sammeln wollte, fände da eine reiche Fundgrube. Das Volk soll über den Erreger und seine mutmassliche Verbreitung viel besser unterrichtet werden; dann würde auch da und dort den feuerpolizeilichen Massnahmen viel besser nachgelebt.