Güttingen und Obama grüssen vom Titelblatt

Morgens um neun, der Stammtisch im «Bahnhof». Hier treffen sich einheimische Büezer und debattierlustige Rentner zum Znüni. «Hast du gesehen? Heute war schon wieder ein Bericht über uns drin», sagt einer. Sogar im «Seefunk» habe man es gebracht, meint ein anderer.

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Da posierten sie noch gemeinsam: Thomas Thalmann, Sandra Stadler-Kuster, Gemeindeschreiberin Uschi Rudolf von Rohr, Eugen Staub, Max Wicker, Marcel Baumgartner. (Bild: pd)

Da posierten sie noch gemeinsam: Thomas Thalmann, Sandra Stadler-Kuster, Gemeindeschreiberin Uschi Rudolf von Rohr, Eugen Staub, Max Wicker, Marcel Baumgartner. (Bild: pd)

Morgens um neun, der Stammtisch im «Bahnhof». Hier treffen sich einheimische Büezer und debattierlustige Rentner zum Znüni. «Hast du gesehen? Heute war schon wieder ein Bericht über uns drin», sagt einer. Sogar im «Seefunk» habe man es gebracht, meint ein anderer. Dann ein leicht giftiger Kommentar in Richtung Journalistin: «Ihr Medien schiesst unseren Gemeindeammann ab.» Dabei haben die Medien nur verbreitet, was der Güttinger Gemeinderat publik machen wollte: Die vier Kollegen von Gemeindeammann Eugen Staub fordern den Primus inter pares zum Rücktritt auf.

Der Gemeinderat soll reden

Die Meldung hat im Dorf eingeschlagen. Was aber den Güttingern besonders unangenehm scheint, ist die Präsenz im Rampenlicht. «Schreiben Sie mal zwei, drei Wochen nichts, dann kommt es schon wieder gut», kommentiert ein Restaurant-Gast. Die Sitznachbarin sagt: «Immerhin haben wir es aufs Titelblatt geschafft. Gleich neben Barack Obama.»

Über die Probleme im Gemeinderat ist offiziell nichts nach aussen gedrungen. Das Kollegialitätsprinzip sei hochgehalten worden. «Vier Jahre hat man kaum was gehört», heisst es in der Beiz. Die Mitglieder des Gemeinderates seien nicht sehr volksverbunden, würden sich im Dorf kaum zeigen.

Die Aktion von Marcel Baumgartner, Sandra Stadler-Kuster, Thomas Thalmann und Max Wicker sorgt in Güttingen denn auch für Schulterzucken. Die vier sollten erklären, warum Eugen Staub nicht mehr tragbar sei, wird gefordert. Klar, die personellen Wechsel auf der Gemeindeverwaltung sind aufgefallen. Doch sei eine gewisse Fluktuation auch normal. «Die Jungen, die gehen halt schnell einmal wieder», sagt ein Landwirt.

«Er ist halt ein Pfarrer»

Kritisch sei man heutzutage, der Job des Gemeindeammanns kein Zuckerschlecken. Was sagen die Mitglieder der «Bahnhofs-Partei» über ihren Dorf-Obersten? «Staub ist halt ein Pfarrer», sagt einer über den früheren Diakon. Könne gut reden, sei aber wahrscheinlich kein Team-Mensch. «Nein, er ist im Fall ein ganz umgänglicher Typ», wird entgegnet. «Ich habe nie schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht», sagt ein anderer. Der Kafi ist getrunken, die Stimmung gut. Die Gruppe nimmt den Wirbel um die Zustände im Gemeindehaus pragmatisch. «Wir können ja eh nichts ändern.» Vielleicht sei es mit dem Gemeinderat ein bisschen wie mit der Ehe. Nur sei das verflixte siebte Jahr in diesem Fall halt schon im fünften gekommen. Gesagt, gelacht. Die Pause ist vorbei.

Viele mögen Staub

Im Volg: «Ich bin erstaunt, wie das Thema von den Medien breitgetreten wird», sagt eine Verkäuferin mit vorwurfsvollem Unterton. Ihre Kollegin sagt, es werde kaum über die Ereignisse gesprochen. Im Dorfladen wird anscheinend nicht politisiert.

Vor der Post: «Der Gemeindeammann hat vielleicht zu viel an sich gerissen», vermutet ein Passant. Der Gemeinderat habe sich absolut integer verhalten. Von Konflikten sei nichts nach aussen gedrungen. «Ich komme persönlich sehr gut mit Herrn Staub aus», äussert sich eine ältere Frau. «Mehr sag ich nicht.» Umgänglich, angenehm, kulant – das sind Worte, mit denen Güttinger ihren Gemeindeammann beschreiben. Und diese Aussagen wollen so gar nicht zur Rücktrittsforderung passen. «Von aussen betrachtet ist es schwer vorstellbar, wie es so weit kommen konnte», bringt es eine Frau auf den Punkt.

Martina Eggenberger Lenz