Grösster Halunke im neuen Testament

Das Karfreitagskonzert in der evangelischen Kirche erfreute die sehr zahlreichen Zuhörer mit Musik, die dramatisch und düster, aber ausgesprochen harmonisch klang. Es wurde eine Komposition von Rolf Bolli uraufgeführt.

Heinrich Schlegel
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Uraufführung in der Kirche: Rolf Bolli (mit Dirigentenstab) präsentierte seine jüngste Komposition. (Bild: Heinrich Schlegel)

Uraufführung in der Kirche: Rolf Bolli (mit Dirigentenstab) präsentierte seine jüngste Komposition. (Bild: Heinrich Schlegel)

Fast bis auf den letzten Platz war die evangelische Kirche am Karfreitagnachmittag gefüllt. Rolf Bolli hatte mit dem Vocalensemble «Arco Musicale», einem Ad-hoc-Orchester und bewährten, jungen Solo-Sängerinnen und Sängern die Szene des Kaiphas von Enrico Cesare und Beethovens Messe in C-Dur einstudiert und dirigierte auch die Aufführung.

Gewissenloser Machtmensch?

«Kaiphas ist der grösste Halunke im ganzen Neuen Testament», sagte vor 50 Jahren mein Religionslehrer.

Jesus von Nazareth hatte die Priester nicht nur als Scheinheilige und Heuchler bezeichnet (Matthäus 15+23, Lukas 11, Markus 12), sondern auch beschuldigt, Irrlehren zu verbreiten und sich am Opfergeld zu bereichern. Darum verlangte Hohepriester Kaiphas seinen Tod (Johannes 11). Wie würde das in einer modernen Komposition tönen? Er tönte ganz anders als erwartet, denn die Priester der modernen Zeit haben Kaiphas inzwischen ein positives Image verpasst: Er sei «der in Gesetzestreue befangene Diener Gottes».

So sagte es der Komponist in seiner kurzen Einleitung zur Uraufführung seiner «Szene des Kaiphas». Sehr dramatisch und düster, aber für ein modernes Werk erstaunlich harmonisch klang die Musik. Darsteller des Kaiphas war Milan Siljanov, Musikstudent an der Zürcher Hochschule der Künste. Er sprang für den verhinderten Jan Pavel Nowacki ein. Josef Birrer, Tenor, sang den Jesus und dann auch die Parts des ebenfalls verhinderten zweiten Tenors Giuseppe Rametta.

Ausdrucksstarke Interpretation

Der versierte Kammerchor, die Solo-Sängerinnen Claudia de la Bindera und Eva Christianson sowie das Orchester begeisterten mit schwungvoller, ausdrucksstarker Interpretation des «Kaiphas» wie auch der C-Dur-Messe von Beethoven. Diese bot auch viele Gelegenheiten für die Interpreten, sich auszuzeichnen, ist sie doch voll von herrlichen Melodien, packenden Crescendi, gewaltigen, leidenschaftlichen Passagen. Schon das Kyrie schwoll gewaltig an. Auch das Gloria wirkte dramatisch und mächtig.

Ein geradezu ekstatisches, explosives Credo wurde beendet durch ein kunstvoll ausgeschmücktes Amen. Fein, innig, mit Nachdruck begann das Sanctus. Hoffnungsfrohe Erwartung, mächtiges Gotteslob drückte das Benedictus aus. Ergreifend wirkte die Klage um das Lamm Gottes, strahlend und siegesbewusst das Lob des Friedens. Als Zugabe wurde danach noch Mozarts «Ave verum Corpus» dargeboten.

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