Gristenbühl ist Egnachern heilig

Die Implenia wird ihre Pläne für die Überbauung beidseits des alten Sekundarschulhauses anpassen müssen. Der Bevölkerung ist das Projekt entschieden zu gross und zu wuchtig. Doch eine Redimensionierung ist unter Umständen gar nicht so einfach und möglicherweise heikel.

Markus Schoch
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Modell der Überbauung mit dem alten Schulhaus in der Mitte und den vier neuen Häusern. (Bild: Reto Martin)

Modell der Überbauung mit dem alten Schulhaus in der Mitte und den vier neuen Häusern. (Bild: Reto Martin)

EGNACH. Architekt Hans-Ullrich Grassmann stand am Mittwochabend auf verlorenem Posten. An einer Informationsveranstaltung zur geplanten Überbauung auf dem Gristenbühl versuchte er die rund 120 Teilnehmer in der Rietzelghalle erfolglos davon zu überzeugen, dass sein Projekt mit vier Wohnhäusern in einer «ruhigen und zurückhaltenden Architektur» das bald leerstehende Sekundarschulhaus auf der Krete «frei spielt» und in den Vordergrund rückt.

Die meisten Besucher hatten den gegenteiligen Eindruck. In einer ersten Runde meldete sich gar niemand, der das Projekt der Implenia verteidigen wollte, als Moderator Andrea Vonlanthen Stimmen aus dem Publikum einholte. Von Gigantismus und fehlender Sensibilität gegenüber dem besonderen Ort war die Rede. Die Architektur sei städtisch und passe nicht zu einer Landgemeinde wie Egnach, meinte eine Frau. Der Ortsbildschutz werde viel zu wenig berücksichtigt. Peter Stäheli warnte im Namen des verhinderten Lokalhistorikers Rolf Blust davor, den Gristenbühl «zu verstümmeln», womit dem Dorf das Gesicht genommen würde. «Lassen Sie dem Hügel seine Würde», zitierte Stäheli aus der Stellungnahme von Blust. Er sei schockiert, sagte ein weiterer Besucher. «Die Gemeinde kann nur verlieren und die Implenia nur gewinnen.»

Wie eine Staumauer

Podiumsteilnehmer Reinhard Hofmann sprach von einer «Staumauer», die ihm in den Sinn komme, wenn er sich die Pläne anschaue. Und er begreife nicht, warum der Gemeinderat ausgerechnet auf dem Gristenbühl eine dreistöckige Wohnzone schaffen wolle, die es im Zonenplan noch gar nicht gebe, sagte der ehemalige Bauverwalter von Romanshorn. «Man zäunt das Pferd von hinten auf.»

Einer der schönsten Plätze in der Gemeinde werde ruiniert, wenn das Projekt realisiert werde, mit dem am falschen Ort in Egnach verdichtet gebaut werden solle, sagte Ruedi Bollag. Er vertrat wie Hofmann die Gegner auf dem Podium – zusammen mit Doris Günter. Sie leiste Widerstand, weil sie nicht wolle, dass «das Bild unseres Dorf so nachhaltig verändert wird. Das Schulhaus ist identitätsstiftend», sagte Günter. Sie könne sich «an dieser einmaligen Lage» gut ein etappiertes Vorgehen vorstellen.

Die Implenia beziehungsweise Grassmann hatten aber zumindest auf dem Podium auch ihre Fürsprecher. Ihm gefalle das Projekt «sehr gut», sagte Matthias Anderes. Ihn beeindrucke vor allem die «gute Integration» der Neubauten, meinte Roland Etter. Zudem gäbe es Wohnraum für Egnacher, die beispielsweise im Alter ihr Einfamilienhaus verkaufen würden und gerne im Dorf bleiben wollen. Und Martin Stüdle erinnerte daran, dass die Egnacher Anfang des letzten Jahrhunderts «sehr viel Mut bewiesen hatten», als sie 1911 ein solch grosses und stattliches Schulhaus auf dem Gristenbühl bauten. Heute hätten «alle ihre Freude daran». Er würde sich wünschen, die Bevölkerung würde heute wieder ähnlich viel Mut aufbringen.

Wunsch nach kleinerem Projekt

Die grosse Mehrheit der anwesenden Stimmbürger wären zumindest bereit, einem kleineren Bauprojekt auf dem Gristenbühl ihren Segen zu geben, wie ein Stimmungstest per Applaus ergab. Es bestehe aber kein Grund zur Eile, betonten diverse Redner. Nur ganz wenige wollten auf dem Gristenbühl gar nichts mehr zulassen. So wie nur ganz wenige für das vorliegende Projekt der Implenia zu haben wären. Auch die Jury hatte sich eine «geringere Eingriffstiefe» gewünscht.

Anpassungen seien durchaus möglich, sagte Implenia-Vertreter Florian Klarer. «Wir können auf die Bedürfnisse der Bevölkerung eingehen und beispielsweise ein Stockwerk runter nehmen». Ein kleineres Volumen hätte aber Auswirkungen auf die Preise der Wohnungen, sagte Klarer. Und er verwies darauf, dass die Gemeinde zahlbaren Wohnraum gefordert habe. Details zu den Kosten konnte er nicht geben. Klarer nannte nur eine Zahl: Das Anlagevolumen belaufe sich auf 23 bis 24 Millionen Franken. Und er verwehrte sich gegen den Vorwurf aus dem Publikum, der von ihnen gebotene Preis für die Liegenschaft in der Höhe von 3,7 Millionen Franken sei zu tief. «Rund 600 Franken pro Quadratmeter sind nicht wirklich wenig für ein solches Projekt», entgegnete Klarer. Zumal Teile des alten Schulhauses öffentlich genutzt werden sollen.

Projektänderung zulässig?

Ob dafür tatsächlich ein Bedarf bestehe, bezweifelten mehrere Veranstaltungsteilnehmer. «Ich sehe noch keine schlaue Nutzung», sagte beispielsweise Matthias Anderes. Und auch Reinhard Hofmann fände es keine gute Idee, «am Dorfrand eine Bibliothek zu eröffnen». Er könnte sich vorstellen, das Schulhaus sanft zu renovieren und überall Wohnungen einzubauen für junge Familien. Diese Idee fanden praktisch alle gut, die sich zu Wort meldeten. Unter der Voraussetzung allerdings, dass sich die ursprünglichen Pläne nicht verwirklichen lassen. Offen blieb die Frage, inwieweit es rechtlich zulässig wäre, das Projekt zu verändern, das als Sieger aus einem Investorenwettbewerb hervorgegangen war. Jurymitglied Thomas K. Keller konnte keine Antwort geben. «Das müsste sauber abgeklärt werden.»