Gespräche unter Erwachsenen

Frau E. ist Ende 80 und in gutem gesundheitlichen Zustand. Einmal die Woche besuche ich Frau E., um Blutdruck- und Blutzuckerwerte zu ermitteln. Wir reden dann auch über dies und das. Bei meinem letzten Besuch ist die beste Freundin von Frau E, Frau T. ebenfalls vor Ort.

Sabir Semsi
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Frau E. ist Ende 80 und in gutem gesundheitlichen Zustand. Einmal die Woche besuche ich Frau E., um Blutdruck- und Blutzuckerwerte zu ermitteln. Wir reden dann auch über dies und das. Bei meinem letzten Besuch ist die beste Freundin von Frau E, Frau T. ebenfalls vor Ort. Da sassen die beiden Rentnerinnen in der Küche mit einem Einrichtungsstil aus den frühen Achtzigerjahren. Sie unterhielten sich über das Abstimmungsresultat und die Wahlergebnisse vom vergangenen Wochenende. Da gab's Meinungsverschiedenheiten und da gab's Meinungsgleichheiten. Die beiden tuschelten und witzelten über Politik und ihre Eindrücke, während ich alle relevanten Dinge in die Krankenakte einschrieb. Da schaute mich Frau T. an und fragte, ob ich mir auch die Mühe gemacht hätte, die Stimmzettel auszufüllen und diese an der Urne einzuwerfen. Auf meine Verneinung reagierte sie bestürzt. Verständnislos schaute sie mich an. Auf ihre Frage, warum ich mir die Mühe nicht gemacht hätte, war meine Antwort simpel: Ich bin noch nicht volljährig. Ich wies sie darauf hin, dass es bald so weit wäre und ich auch endlich ein Abstimmungscouvert auf meinen Namen adressiert bekommen würde. Beide Rentnerinnen lachten und tuschelten gleich wieder. Da äusserte Frau E., dass Sie es nicht schlecht fände, wenn es eine Kommission gäbe, welche den Wunsch von Jugendlichen, vor dem 18. Altersjahr stimmberechtigt zu sein, überprüfen und allenfalls genehmigen würde. Eine Art Einbürgerungskommission, mit anderem Zweck. Ich nickte. Wir wussten natürlich alle drei, dass die Idee ein Scherz war und ein fröhliches Gelächter machte sich breit.

Nach der Verabschiedung, als ich das kleine Einfamilienhaus verliess, blieb ich stehen und ich dachte mir, dass die Idee von Frau E. doch nicht so schlecht wäre. Lächelnd verliess ich das Grundstück und dachte: «Ach Frau E., würde Ihre Idee in eine Initiative umgesetzt werden, hätten wir vielleicht bald eine Einbürgerungskommission zur Beurteilung des Stimmrechtes bei Jugendlichen unter 18. Jahren.» Vielleicht hört irgendein Politikschwergewicht irgendwann die Idee von Frau E. und ist so begeistert davon, dass er oder sie sofort eine Initiative startet, um das Gesetz entsprechend zu ändern. Vielleicht aber auch nicht – aber wer weiss…

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