Gersters surreale Welt

Andrea Gerster las im Kulturforum vor einem grossen Publikum aus ihrem neusten Buch. «Ganz oben» ist ein fein verwobener Roman, der viel Spielraum für Interpretationen lässt.

Hugo Berger
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Autorin Andrea Gerster stellte ihr neues Buch «Ganz oben» vor. (Bild: Hugo Berger)

Autorin Andrea Gerster stellte ihr neues Buch «Ganz oben» vor. (Bild: Hugo Berger)

AMRISWIL. «Schenken Sie mir Ihr Gehör. Geben Sie mir fünf Minuten, und ich sage Ihnen, wie es war». Mit diesen Sätzen begann Andrea Gerster am Mittwoch abend ihre Lesung im Kulturforum.

Nicht an das Publikum waren diese Worte gerichtet, sondern Olivier Kamm, der Protagonist ihres neusten Romans «Ganz oben», bittet das Hohe Gericht darum. Ob ihm jemand zuhört, bleibt offen, denn Richter und Geschworene, die er mit «sehr geehrte Damen und Herren» anspricht, bleiben im Verborgenen.

Traumähnliche Bilder

Der Gerichtsmediziner hadert mit dem Schicksal. Er fühlt sich unverstanden. «Ich will, dass man mich versteht.» Und weiter: «Dauernd verliere ich Wörter.» Eine Besonderheit dieses Buches ist, dass die Autorin häufig die Erzählperspektive wechselt, indem sie einen Erzählstrang in der Ich-Form und einen zweiten in der dritten Person führt.

Ebenfalls häufig wechselt der Schauplatz. In einer Rückblende lässt Gerster in der weiten Schneelandschaft in Lappland traumähnliche Bilder entstehen. Etwa von Skiläufern, die im Zeitlupentempo einen gefrorenen See überqueren. Dann wieder wird ganz nüchtern ein Hotelzimmer beschrieben.

Unbewusste Kanäle

Der Protagonist ist mit einer grossen Untersuchung beauftragt. Er soll Kinderpornographie im Internet bekämpfen. Doch er stellt fest: Anders als in der Pathologie ist auf dem Bildschirm nichts greif- und tastbar .

Leopold Huber hob bei der Ansprache zur Buchvernissage hervor, die Autorin aus Freidorf verstehe es, scheinbar Gewohntes aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel zu zeigen, und sie könne beim Schreiben unbewusste Kanäle anzapfen. Da mag er recht haben. Die surrealen, beängstigenden Bilder in ihrem neusten Roman lassen da und dort an Kafkas Buch «Der Prozess» erinnern.