GERICHTSFALL: «Dä Güggel mues weg!»

Vor dem Bezirksgericht Weinfelden stritten zwei Nachbarn über den Lärm, den der Hahn des einen im Wohnquartier verursacht. Weil sich der Kläger nicht auf einen Vergleich einliess, geht das Verfahren weiter.

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Der Grund des Streits: Hahn Erwin Augusto. (Bild: Mario Testa)

Der Grund des Streits: Hahn Erwin Augusto. (Bild: Mario Testa)

Im Saal des Bezirksgerichts Weinfelden wurde es laut am Dienstagabend. Nicht nur, weil der Kläger mit sehr kräftiger Stimme seine Anliegen vortrug, sondern auch, weil alle anderen Beteiligten laut sprechen mussten – der betagte Kläger hört nicht mehr so gut. Nur etwas dröhnt dann doch viel zu laut in seinen Ohren, das Krähen des Güggels seines Nachbarn. Der raubt ihm den Schlaf und langsam, aber sicher auch den letzten Nerv.

Nach Jahren des Streits und gescheiterter Schlichtungsversuche vor dem Friedensrichter hat er deshalb eine Zivilklage wegen übermässiger Lärmbelästigung gegen seinen Nachbarn eingereicht. «Dä Güggel mues weg!», ist dann auch seine Forderung, die er nach seinen Ausführungen zur Situation vor Gericht äusserte. «Und wenn die Hennen nicht ohne Hahn leben können, dann müssen halt auch die weg.»

Vom Töten der Tiere war nie die Rede

Die Tiere müssten keinesfalls getötet werden, betonte der Kläger. «Das hab ich nie gefordert, nur dass sie weg müssen.» Sein Nachbar habe ihm in der Vergangenheit jeweils einfach ein Schnippchen geschlagen respektive den Wind aus den Segeln genommen, wenn er einen Güggel tötete. «Weil er dann noch zusätzlich laut herausposaunte, er habe meinetwegen die Güggel töten müssen, hab ich sogar Morddrohungen am Telefon erhalten. Unterdessen hat er ja schon den vierten Güggel.»

Schlimm sei der Lärm des Güggels vor allem im Frühling und Sommer. Das schallisolierte Hühnerhaus, in dem die Tiere von 22 bis 7 Uhr jeweils eingeschlossen sind und das der Tierhalter auf Geheiss der Gemeinde installieren musste, sei wirkungslos. «Der Güggel rennt ja doch draussen herum, manchmal schon um 5 Uhr morgens. Mein Nachbar hält die Vorschriften überhaupt nicht ein. Er hat sich einen Sport daraus gemacht, mich zu ärgern, und macht, was er will.» Zudem stehe im Sommer das Fenster des Hühnerhauses offen, und dann bringe die Schallisolierung gar nichts. «Wenn der Güggel durchs offene Gitter kräht, ist es, als stünde er draussen.» Nebst der Wegweisung des Hahns fordert der Kläger von seinem Nachbarn auch die Übernahme aller bisher angefallenen Gerichtskosten und eine Genugtuung von 4500 Franken.

Der Beklagte gibt vor Gericht zu, dass es in den heissen Monaten nicht ganz klappt mit dem schallisolierten Hühnerhaus. «Es wird im Sommer einfach zu warm drin. Wenn ich nicht lüften kann, sterben die Tiere. Deshalb muss ich ein Fensterchen öffnen.»

Eine Klimaanlage für den Hühnerstall

Anfangs habe er auch die Zeitschaltuhr fürs Türchen an die Dämmerung gekoppelt – und das führte zur verfrühten Öffnung im Sommer. Unterdessen habe er aber eine andere Zeitschaltuhr. «Jede Nacht genau von 22 Uhr bis am Morgen um 7.10 Uhr bleibt das Türchen zu und der Güggel und die Hennen können nicht raus», sagt der Beklagte vor Gericht. Er beteuert, die Auflagen der Gemeinde ernst zu nehmen und zu befolgen. In seinen Ausführungen hielt er sich kurz und kam zum Schluss. «Wenn jemand wie mein Nachbar so fixiert ist auf bestimmte Geräusche, dann hört er sie natürlich auch. Reklamationen habe ich von anderen Anwohnern nicht bekommen, viele mögen sogar das Krähen.»

Der Kläger seinerseits hielt in seiner zweiten Aussagephase nicht mehr zurück und bezeichnete seinen Nachbarn als «stuure Bock», der nur einen Haufen «Saich und Hafechääs» verzapfe und sich um jegliche Vorschriften schere. Er habe ja schon vor vielen Jahren das Gespräch mit ihm gesucht, aber das habe sein Nachbar ja nicht gewollt. «Deshalb sind Sie selber schuld, dass es nun vor Gericht endet.»

Keinen einfachen Job hatte Richterin Claudia Spring. Sie musste ungewohnt laut sprechen und doch schien der Kläger nicht alles zu verstehen, was sie sagte, er schnitt ihr auch immer wieder ins Wort. Zum Schluss der Verhandlung sagte sie an ihn gewandt: «Tagsüber ist der Lärm des Güggels nicht übermässig. Im ländlichen Gebiet ist das Halten von Hühnern etwas Normales.» Den Tierhalter ermahnte sie jedoch, die gesetzte Nachtruhe ernst zu nehmen und dafür zu sorgen, dass die Tiere zu den vereinbarten Zeiten im schallisolierten Stall bleiben. «Nötigenfalls müssen Sie eine Klimaanlage installieren, um das Stallfenster auch in der heissen Sommerzeit geschlossen halten zu können.»

Richterin scheitert mit einem Schlichtungsversuch

Sie versuchte, dem Kläger einen Vergleich zu unterbreiten, bei dem sich der Tierhalter verpflichtet, die Nachtruhe zu gewährleisten. Es sei die Aufgabe des Gerichts, Streit zu schlichten anstatt anzufeuern. «Sie streiten nun schon seit vielen Jahren. Heute haben Sie die Gelegenheit, diesen Streit beizulegen.» Der Kläger liess diese Gelegenheit jedoch aus und for­derte die Fortsetzung des Verfahrens. Nun muss das Gericht im Beweisverfahren über eine allfällige Übermässigkeit des Lärms befinden.

Mario Testa

mario.testa@thurgauerzeitung.ch