«Geist von Weihnachten verblasst»

Weihnachten heute ist glitzernd und bunt. Vor 50 oder 60 Jahren war alles viel schlichter. Unter dem Tannenbaum lagen Unterhosen, Holzspielsachen oder Erdnüssli. Der Überfluss habe vieles kaputt gemacht, sagt Verdingkind Ernst Schaad.

Lukas Griethe
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Gelegenheit für Gespräche: Im Bodansaal feierten 220 Mitglieder des Klubs der Älteren den Advent. (Bilder: Lukas Griethe)

Gelegenheit für Gespräche: Im Bodansaal feierten 220 Mitglieder des Klubs der Älteren den Advent. (Bilder: Lukas Griethe)

ROMANSHORN. «Meine Wünsche wurden oft nicht erfüllt», sagt Ernst Schaad, der als Verdingkind Weihnachten völlig anders erlebt hat als heutige Kinder. Für seine Generation hatte Weihnachten eine ganze andere Bedeutung.

Ernst Schaad ist einer von vier Senioren, die an der Adventsfeier des Klubs der Älteren teilgenommen und der Thurgauer Zeitung von ihren Weihnachtserinnerungen erzählt haben.

220 Personen folgten am Mittwochnachmittag der Einladung in den Romanshorner Bodansaal. Sie bekamen einiges an Unterhaltung geboten. Nach dem Auftritt des Seniorenchors folgten Darbietungen von Akkordeon- und Trompetenschülern der Musikschule Romanshorn, und das Trio Romis spielte auf. Zum Schluss wurde allen ein Nachtessen serviert.

Kleider statt iPod

Viel lieblicher als heute war Weihnachten für Willy Fässler. «Früher feierte man mit der Familie, heutzutage geht man auf die Strasse.» Auch die Geschenke waren anders: «Zu meiner Zeit bekamen die Kinder Sachen, die sie wirklich brauchten, beispielsweise Unterhosen oder Handschuhe.» Trotzdem habe man sich gefreut, weil es nichts anderes gegeben habe. Die Highlights für ihn seien Spielsachen aus Holz gewesen.

Problematisch findet Fässler, dass sich die Kinder heute gar nicht mehr richtig auf Weihnachten freuen können, weil sie schon während des Jahres so viel geschenkt bekommen. Auch sei die weihnachtliche Stimmung heute weitgehend verloren gegangen. «Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich aufs Christkind gewartet habe», sagt er. Auch der Tannenbaum habe früher eine grössere Bedeutung gehabt.

Hintergrund ging verloren

Der grösste Unterschied zu früher besteht für Verena Ehr darin, dass der christliche Hintergrund von Weihnachten verloren gegangen ist. Ihrer Meinung nach wissen viele Leute gar nicht mehr, was das Fest eigentlich bedeutet. «Früher war es noch üblich, im Dezember zu fasten. An Heiligabend gingen wir dann immer zur Mitternachtsmesse in die unbeheizte Kirche – das war kalt», sagt sie lächelnd. Als Geschenke bekam sie früher meistens Erdnüsse, Guezli oder Birnenweggen. An ihr bestes Geschenk, einen Schlitten, erinnert sie sich noch gut. So etwas Grosses sei aber die Ausnahme gewesen. Dass die Läden mittlerweile schon im November Weihnachtsartikel in den Gestellen haben, findet sie furchtbar. «Warum bieten sie sie nicht gleich das ganze Jahr hindurch an?», sagt Verena Ehr schmunzelnd.

Man war zufriedener

«Der heutige Überfluss macht vieles kaputt», meint Ernst Schaad. «Obwohl man zu meiner Zeit viel ärmer war, war man zufriedener als heute», sagt er. Wegen der hohen Ansprüche könne man sich heute gar nicht mehr richtig über Geschenke freuen. «Bei den Kindern ist es doch so: Wenn einer etwas bekommt, müssen die andern dasselbe haben.» Er halte auch nichts davon, Kindern schon in jungem Alter elektronische Geräte zu schenken. «Die Kinder können doch gar nicht mehr richtig spielen», meint Schaad. Früher habe man handgestrickte Socken oder Ärmelstulpen bekommen.

Schaad erzählt, dass er ein Verdingkind sei und seine Wünsche oft nicht erfüllt worden seien. «Ich hätte zum Beispiel gerne Klavierunterricht gehabt oder habe mir einmal einen Meccano-Baukasten gewünscht, aber dann hiess es nur, dass ich so etwas nicht brauche.» Den wahren Geist von Weihnachten erkennen seiner Meinung nach fast nur noch die älteren, gesetzten Jahrgänge.

Es ist niemand verreist

An das gute Weihnachtsessen erinnert sich Maria Imhof. «Nach dem Znacht haben wir immer Kerzen angezündet, Weihnachtslieder gesungen und die Geschenke geöffnet.» Früher sei man im Gegensatz zu heute nie verreist.

Als ihre Kinder noch klein waren, hat sie versucht, das Warten auf die Geschenke geheimnisvoll zu gestalten und Spannung aufzubauen: «Ich habe immer zu Weihnachten kleine Schöggeli auf die Stufen gelegt. Meine Kinder waren dann wie aus dem Häuschen. Sie sahen in den Süssigkeiten Vorzeichen des Christkinds.»

Die Kommerzialisierung von Weihnachten findet Maria Imhof schrecklich. Man renne förmlich von Fest zu Fest. Auch die Geschenke seien früher herzlicher gewesen. «Man hat Stunden geopfert, weil man sie selber gemacht hat. Heute geht man in die Läden und kann alles kaufen.» Da der älteste ihrer Enkel schon 30 ist, schenkt sie heutzutage meistens Geld.

Verena Ehr

Verena Ehr

Willy Fässler

Willy Fässler

Ernst Schaad

Ernst Schaad

Maria Imhof

Maria Imhof