Geboren, um zu laufen

Der Egnacher Daniel Zünd hat am Swiss Irontrail, einem Langstreckenlauf über 200 Kilometer, teilgenommen: Er hat die Strecke in 52 Stunden bewältigt. In dieser Zeit hat der 43-Jährige jede Menge Cola getrunken und drei Kilogramm abgenommen.

Michèle Vaterlaus
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Daniel Zünd während des Swiss Irontrails bei Murtel auf dem Corvatsch im Engadin. (Bild: pd)

Daniel Zünd während des Swiss Irontrails bei Murtel auf dem Corvatsch im Engadin. (Bild: pd)

EGNACH. Er sei kein Psycho, sagt Daniel Zünd und lacht. Laufen sei einfach seine Leidenschaft. Regelmässig nimmt er an Marathons teil, früher habe er bereits an 24-Stunden-Mountain-Bike-Rennen mitgemacht. «Die Teilnahme am Swiss Irontrail war für mich die Erfüllung eines Wunsches.» Der Swiss Irontrail ist ein Lauf, bei dem 150 Sportler aus der ganzen Welt 202 Kilometer zurücklegen und dabei 11 000 Höhenmeter bewältigen müssen – alles allein, zu Fuss und ohne Schlaf.

Der 43jährige Egnacher hat die Distanz innert 52 Stunden zurückgelegt. Am Freitag, 9. August, fiel der Startschuss. Ausgerüstet mit GPS, Handy, Trinkflasche, Kappe, Handschuhen und vielem mehr startete Zünd in Pontresina. «Bis dahin war es für mich undenkbar, dass ich die Distanz bis Davos schaffen könnte.»

Nächtliches Training

Wie kann man davon träumen, 200 Kilometer zu laufen, 52 Stunden unterwegs zu sein und dabei an seine körperlichen und psychischen Grenzen zu gehen? «Bei einem solchen Lauf sind viele Faktoren nicht beeinflussbar. Das ist die Herausforderung. Ein Abenteuer», sagt Zünd. Er habe beim Start nicht gewusst, wie es ihm beispielsweise nach zwölf Stunden gehe. «Ich wusste nicht, ob mein Magen mitmacht, ob meine Muskulatur mitmacht, ob mein Kopf mitmacht.»

Die erste Hürde stellte sich ihm gleich zu Beginn. «Es war schlechtes Wetter.» Das verlange stärkere Konzentration. Der Boden und die Steine seien rutschig. Zudem sei die Strecke technisch schwierig gewesen. «Ansonsten stört mich schlechtes Wetter nie.» In der Nacht auf Samstag dann die nächste Herausforderung. «Man muss sich vorstellen: Du bist irgendwo in den Bergen auf 2000 bis 2500 Metern – nur du und der Lichtkegel der Stirnlampe.» Ein merkwürdiges Gefühl. Doch neben der Ausdauer hat er auch das trainiert: allein, zu ungewöhnlichen Zeiten zu joggen. «Ich bin in der Nacht laufen gegangen», sagt Zünd. Einmal sei er morgens um halb eins nach Winterthur gejoggt und habe dort anschliessend am Marathon teilgenommen. 110 Kilometer waren das.

Der zweite Tag am Irontrail, Samstagmorgen, die erste Krise. «Die habe ich selbst verschuldet», sagt Zünd. Die Strecke runter nach Bergün kannte er. «Aber ich hatte sie kürzer im Kopf.» Er hat die Strecke deshalb unterschätzt. Auf einmal bekam er Mühe mit der Muskulatur, er hatte Schmerzen. Da passierte er die 100-Kilometer-Marke. «Das war mental gut. Nun hatte ich nur noch eine zweistellige Zahl vor mir.»

Auf das Schlimmste vorbereitet

Als psychische Stütze habe er sowieso die ganze Strecke unterteilt. «Die höchsten Stationen zum Beispiel, die 100-Kilometer-Marke war ebenfalls so ein Punkt.» Mentaltraining habe er aber nie gemacht. «Ich bin im Kopf sehr stark.» Er habe im Vorfeld einfach Bücher zum Thema gelesen und sich auf das Schlimmste gefasst gemacht: «Es gibt Läufer, die halluzinieren oder setzen sich sechs Kilometer vor dem Ziel hin, schlafen ein und machen den Lauf nicht fertig.» Nichts davon sei eingetreten. «Für mich war wohl entscheidend, dass ich das unbedingt schaffen wollte.» Unterstützt hat ihn seine Frau. Zwei Kilometer vor den Verpflegungsposten ist sie jeweils mitgerannt. Auch seine beiden Kinder und seine Schwiegereltern waren dabei. «Meine Freunde in Egnach haben mich auf ihrem Computer verfolgt. Das war dank dem GPS möglich.» So habe er sich unterwegs nie einsam gefühlt. «Nur darum habe ich es geschafft.»

In die falsche Richtung gelaufen

In der Nacht auf Sonntag hat sich Zünd verlaufen. «Nach einem Verpflegungsposten wurde ich falsch weitergeleitet.» Irgendwann, als klar war, dass er die richtige Route nicht mehr einfach so finden würde, habe er seine Frau mit dem Handy kontaktiert. «Sie hat mich auf den richtigen Weg gelotst.» Der dadurch entstandene Zeitverlust von 40 Minuten sei aber nicht wichtig. «Es geht darum, den Lauf zu schaffen, nicht um die Zeit.» Das Highlight erlebte er am Sonntag um 5.30 Uhr auf dem Weisshorn bei Arosa: der Sonnenaufgang. «Ich wusste: Die zweite Nacht ist vorbei. Ich habe noch 24 Kilometer vor mir.» Im Ziel in Davos sei es ihm gut gegangen. «Ich hatte nur eine unendliche Zufriedenheit in mir», sagt Zünd. «Es ist unglaublich, dass ich es geschafft habe.» 70 Prozent der Läufer sind nicht ins Ziel gekommen, sie mussten vorher abbrechen. Zünd hat in diesen 52 Stunden etliche Liter Coca Cola getrunken und drei Kilogramm abgenommen.

Er hat damit gerechnet, dass er am Montag danach unfähig sei, irgendetwas zu tun. «Meine Tochter hatte aber ihren ersten Schultag. Ich wollte um jeden Preis dabei sein, auch wenn ich im Rollstuhl dahin gebracht werden musste», sagt er lachend. Er war dabei, stehend, auf seinen eigenen Füssen. Ob er wieder einen 200-Kilometer-Lauf machen würde? «Jederzeit.»