Geboren im Februar 1911

BISCHOFSZELL. «Ich habe noch immer Freude am Leben», sagt Martina Elser. Heute wird sie hundert Jahre alt und blickt auf ihr Leben zurück. Als Kind glaubte sie, die Welt höre hinter dem Säntis auf.

Claudia Gerrits
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Martina Elser erzählt von strammen Burschen mit Pferd und Wagen. (Bild: Claudia Gerrits)

Martina Elser erzählt von strammen Burschen mit Pferd und Wagen. (Bild: Claudia Gerrits)

Bischofszell. Martina Elsers Augen blitzen, wenn sie erklärt, dass sie auch ein fröhliches Gemüt habe. «Wenn man gesund ist wie ich und einem nichts weh tut, ist es ja auch leicht, vergnügt zu sein», fügt sie hinzu. Nur mit dem Gedächtnis hapere es manchmal, aber das sei halt das Alter, meint sie etwas lakonisch.

Ein quirliger Wirbelwind

Eben hat sie aus der kleinen Schachtel voller Fotografien ein Bild hervorgekramt. Es zeigt ein kleines Mädchen im Sonntagskleid, das dem Betrachter keck entgegenblickt.

Ihre Mutter habe immer erzählt, dass sie ein Wirbelwind gewesen sei. Quirlig wirkt Martina Elser noch immer, wenn sie mit ihrem Rollator in der Pflegeabteilung oder in der Cafeteria des Alters- und Pflegeheims Sattelbogen unterwegs ist.

Im Restaurant aufgewachsen

Geschichten und Erinnerungen sprudeln nur so aus ihr heraus, wenn sie von ihrer Kindheit und Jugend erzählt.

Aufgewachsen ist sie als Jüngste mit einem Bruder und einer Schwester in Niederwil bei Gossau im Restaurant Krone. Zur Wirtschaft gehörte auch ein Bauernhof. Nach dem frühen Tod des Vaters haben ihre Mutter und der Bruder beides weitergeführt. «Wir Mädchen haben auch viel im Restaurant mitgeholfen.»

27 Jahre in der «Konservi»

Ihre Schwester sei die Schönere gewesen, lacht Martina Elser, wenn sie von den strammen Burschen aus Muolen erzählt, die mit Pferd und Wagen jeweils am Sonntag vorfuhren und in der «Krone» einkehrten.

Damals habe sie immer gedacht, dass sie einen Bauern aus Muolen heiraten würde. Es ist anders gekommen. Geheiratet hat sie einen Käser im Schorhaus in Niederbüren. 1949 zog sie mit Mann und Tochter nach Bischofszell. 27 Jahre habe sie noch in der «Konservi» gearbeitet, erzählt die Jubilarin. «Ich war so gerne dort», schwärmt sie. Wenn sie höre, wie die heutige Firma gedeihe, denke sie manchmal, dass sie auch ein wenig dazu beigetragen habe, schmunzelt sie.

Welt geht bis zum Säntis

Dass man mit den heutigen Verkehrsmöglichkeiten so ohne weiteres überall hinkommt, gefällt der Hundertjährigen. «Bis ich etwa zehn Jahre alt war, glaubte ich, dass hinter dem Säntis die Welt aufhöre», erklärt sie.

Sie erinnert sich, dass sie als Kinder jeweils nach dem Heuet mit der Mutter eine Tante besuchten, die im appenzellischen Jakobsbad im Kloster lebte.

«Bis Zürchersmühle fuhren wir mit dem Zug, von da mussten wir zu Fuss weiter, weil es sonst zu teuer war», erklärt Martina Elser. «Heute fahren die Jungen mit dem Auto, weiss ich nicht wohin, nur schon in den Ausgang.»

«Alles alte Leute»

Von der Alterssiedlung ist Martina Elser im vergangenen Herbst ins Alters- und Pflegeheim Sattelbogen gezogen.

Als sie das erste Mal dort im Aufenthaltsraum im zweiten Stockwerk gestanden sei, habe sie gedacht, da seien ja alles alte Leute. «Dabei bin ich ja selber alt», sagt sie und lacht verschmitzt. Die Freude am Leben muss das Rezept für ihr langes Leben sein.