Für den BVB geht Fabrice durchs Feuer

Sorgfältig legt Fabrice an diesem Vormittag ein Kleidungsstück nach dem andern in den Koffer. Zuletzt ein gelbes Trikot mit schwarzem Aufdruck. Dieses behandelt er geradezu liebevoll, streicht ein letztes Mal mit der Innenfläche seiner rechten Hand darüber, bevor er den Koffer schliesst.

Georg Stelzner
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Fabrice Peterhans aus Bischofszell ist Borussia-Dortmund-Fan und bringt das auch in seinem Zimmer deutlich zum Ausdruck. (Bild: Georg Stelzner)

Fabrice Peterhans aus Bischofszell ist Borussia-Dortmund-Fan und bringt das auch in seinem Zimmer deutlich zum Ausdruck. (Bild: Georg Stelzner)

Sorgfältig legt Fabrice an diesem Vormittag ein Kleidungsstück nach dem andern in den Koffer. Zuletzt ein gelbes Trikot mit schwarzem Aufdruck. Dieses behandelt er geradezu liebevoll, streicht ein letztes Mal mit der Innenfläche seiner rechten Hand darüber, bevor er den Koffer schliesst. In wenigen Stunden wird Fabrice mit seinen Eltern in die Türkei fliegen, um dort Ferien zu machen.

Eigentlich ein Grund zur Freude, doch die Mimik des Bischofszeller Primarschülers lässt das Gegenteil vermuten. Was steckt dahinter? Alle anderen würden doch vor Freude Luftsprünge machen. Fabrice redet nicht lange um den heissen Brei herum. Seine Stimme ist leise und traurig, als er das Dilemma schildert: «Heute empfängt der FC Luzern Borussia Dortmund zu einem Testspiel – und da wäre ich gerne dabei gewesen.» Der Ballspielverein Borussia 09 aus Dortmund, kurz BVB genannt, ist der Lieblingsclub des Zehnjährigen.

Sammler von Fanartikeln

Mit seiner Leidenschaft für den deutschen Fussballverein ist Fabrice in der Familie Peterhans nicht allein. Auch Vater Christoph und Bruder Eric schwärmen für den achtfachen Landesmeister und dreimaligen DFB-Pokalsieger. Sie haben Fabrice mit dem BVB-Virus angesteckt, als er noch in den Kindergarten ging. Die beiden Erwachsenen scheinen ihre Prioritäten bisweilen auch anders zu setzen. Doch für Fabrice kommt die gelb-schwarze Borussia immer an erster Stelle.

In seinem Zimmer stellt er das eindrücklich unter Beweis. Hier wimmelt es nur so von BVB-Devotionalien wie Schals, Wimpel oder Fahnen. Und die Wände sind nahezu lückenlos mit Postern tapeziert, auf denen die Fussballgötter in Aktion zu sehen sind. «Mein Lieblingsspieler ist Marco Reus», erklärt Fabrice. «Und Aubameyang finde ich auch gut.» Gar nicht gut findet er Schalke 04, den Erzrivalen des BVB. Und natürlich Bayern München, «weil die immer Meister werden und unsere guten Spieler kaufen».

Unvergessliches Erlebnis

Im Internet informiert sich Fabrice täglich über Neuigkeiten aus seinem Lieblingsverein. So weiss er längst, dass der Schweizer Torhüter Roman Bürki verpflichtet worden ist. Im Stile eines Experten sagt Fabrice: «Ich würde trotzdem Roman Weidenfeller spielen lassen.» Eine Meinung hat der junge Fan auch zur Trainerfrage. «Ich hätte Jürgen Klopp behalten. Er hat zwar Fehler gemacht, ist aber nicht alleine schuld, dass es in der letzten Saison nicht so gut gelaufen ist.» Die Spieler würden zu viel Geld verdienen, übt Fabrice unverhohlen Kritik.

Den bisherigen Höhepunkt als Fan erlebte Fabrice im vergangenen Frühjahr, als er seinen Vater und Bruder Eric nach Dortmund zum Meisterschaftsspiel gegen den 1. FC Köln begleiten durfte. Tore gab es im Signal-Iduna-Park, dem grössten Fussballstadion Deutschlands, damals keine, dafür aber eine unvergleichliche Stimmung. Im Nu findet Fabrice auf dem Smartphone jene Sequenzen, die ihn als einen von 80 000 Zuschauern zeigen. Jetzt ist Fabrice richtig stolz und überzeugt, sich für den richtigen Club entschieden zu haben.

Unter den Kollegen hat er mit seiner Schwärmerei für den BVB jedoch einen schweren Stand. Da ist er Einzelkämpfer. «Sie verstehen nicht, dass ich kein Fan des FC St. Gallen oder eines anderen Schweizer Clubs bin», erzählt Fabrice. Nur Roberto, ein Schulfreund aus Bischofszell, halte zu ihm. Richtig hart wird es für Fabrice jeweils, wenn Dortmund ein Spiel verloren hat. Ein gefundenes Fressen für die Mitschüler. Als ob die Niederlage nicht schon genug schmerzen würde, muss sich Fabrice dann auch noch Hänseleien der Klassenkameraden gefallen lassen. «Das stehe ich aber durch!», gibt sich Fabrice kämpferisch. Immerhin hat sein BVB viele nationale und internationale Erfolge vorzuweisen. Da kann – bei allem Respekt – kein Schweizer Club mithalten.

Fussballprofi oder Pilot

Seit einem Jahr spielt Fabrice bei den Da-Junioren des FC Bischofszell auch selber Fussball. «Meistens im Mittelfeld», berichtet der Blondschopf, der wöchentlich zweimal trainiert und ausserdem noch Tennis spielt. In der Schule sind Deutsch und Sport seine Lieblingsfächer. Mathematik liege ihm weniger, gesteht er.

Befragt nach seinem Traumberuf, muss Fabrice nicht lange überlegen. Wie aus der Pistole geschossen antwortet er: «Fussballprofi!» Und wenn das nicht klappen sollte, «dann wäre Pilot auch megacool», meint er. Das erinnert ihn allerdings daran, dass er am Nachmittag in ein Flugzeug steigen wird, um an die türkische Riviera zu fliegen.

Was Fabrice in diesem Moment – zu seinem Glück und Seelenheil – nicht wissen kann: Er wird den klaren 4:1-Sieg Borussia Dortmunds gegen den FC Luzern und ein Traumtor des deutschen Nationalspielers Mats Hummels verpassen. Doch Fabrice ist jung und wird bestimmt noch viele Gelegenheiten erhalten, seinen Lieblingen nicht nur vor dem Fernsehgerät, sondern auch live im Stadion die Daumen zu drücken.