Frieren im Sommer

Bei den Amerikanern ist alles total «cool» oder unglaublich «hot» – kalt oder heiss. Getränke aus dem Kühlschrank sind den Amerikanern ein Greuel, viel zu wenig kalt, deshalb schütten sie zuerst einmal eine gehörige Portion Eis ins Glas, meistens bis zum Rand.

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Bei den Amerikanern ist alles total «cool» oder unglaublich «hot» – kalt oder heiss. Getränke aus dem Kühlschrank sind den Amerikanern ein Greuel, viel zu wenig kalt, deshalb schütten sie zuerst einmal eine gehörige Portion Eis ins Glas, meistens bis zum Rand. Ganz anders der Kaffee, dieser wird so heiss serviert, dass er für einen Durchschnittseuropäer während der ersten 30 Minuten nicht nur ungeniessbar ist, sondern auch noch zum Verbrennen der Finger taugt, da die Tasse bis zum Rand mit einer heissen braunen Sauce gefüllt ist. Bei uns gibt es an jeder Tankstelle besseren Kaffee. Noch abgedrehter (oder besser aufgedrehter) wird die Kalt/Heiss-Obsession beim Klima. Im Sommer, wenn das Thermometer in New York gut und gerne 35 Grad übersteigt, drehen die Klimaanlagen auf Hochtouren. Die Amerikaner sind Weltmeister im Herunterkühlen. Vor 111 Jahren wurde in New York schliesslich die Klimaanlage erfunden.

Kürzlich besuchte ich mit einem Freund aus der Schweiz eine schummrige Bar in einer heruntergekommenen Gegend in Queens. Das war lebensgefährlich, wir sind dabei fast erfroren. Der Barbesitzer – er gab sich zumindest als solcher aus – stand «cool» im T-Shirt hinter dem Tresen, während wir schlotternd vor unserem Bier sassen, das er uns aus dem noch kälteren Kühlschrank serviert hatte. Überall wird der Raum auf den Gefrierpunkt heruntergekühlt, in Warenhäusern, U-Bahnen oder Restaurants. Und wo es keine Klimaanlage gibt, verbläst ein Ventilator in Orkanstärke die Stimmung.

Ach ja. Bald kommt der Winter, dann wird es noch verrückter, und heisser. Die Klimaanlagen gehen in Winterschlaf und weichen den Heizungen. Diese laufen meistens auf der höchsten Stufe und lassen sich in den wenigsten Fällen regulieren. Während man im Sommer in New York fast erfriert, droht im Winter eine extreme Hitzewelle. Es ist eine verkehrte Welt hier. Von der Umweltbelastung ganz zu schweigen. Das Schweizer Mittelmass wird zur Sehnsucht. Wo ist es? Nicht in New York.

Philipp Bürkler

Der aus der Region Amriswil stammende Journalist Philipp Bürkler lebt in New York. In einer alle zwei Wochen erscheinenden Kolumne berichtet er über die Unterschiede seiner alten und seiner neuen Heimat. Mehr über twitter.com/RocketXpress.