«Freizeit kannten wir fast nicht»

Vor rund 100 Jahren blieb den Kindern kaum Zeit zum Spielen. Obwohl die 105jährige Amriswilerin Clara Deutsch viel helfen musste, war sie mit ihrem Leben zufrieden. Besonders gerne verbringt Lyandra Graden ihre Freizeit in der Badi.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Clara Deutsch konnte in ihrer Kindheit nur wenig mit der Puppe spielen. Lyandra Graden verbringt ihre Freizeit gerne mit Kuscheltieren und beim Schwimmen. (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Clara Deutsch konnte in ihrer Kindheit nur wenig mit der Puppe spielen. Lyandra Graden verbringt ihre Freizeit gerne mit Kuscheltieren und beim Schwimmen. (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

AMRISWIL. «Ganz besonders gerne spiele ich mit meinen über hundert Kuscheltieren», erzählt Lyandra Graden. Einmal wöchentlich nimmt die Zweitklässlerin Gitarren- und Blockflötenunterricht, geht reiten und besucht einen Kung-Fu-Kurs zur Selbstverteidigung. Die 8jährige Lyandra geniesst ihre Freizeitaktivitäten sehr und bekennt, dass sie diese schöner findet als die Schulstunden.

«Es gab immer was zu tun»

Ganz anders sah es vor rund hundert Jahren aus. «Damals hatte man nur wenig freie Zeit und eigentlich kannte man das Wort Freizeit gar nicht», sagt die 105jährige Clara Deutsch. Aufgewachsen ist die älteste Amriswilerin auf einem Bauernhof im Attengärtli in Neukirch-Egnach. In der «Freizeit», das heisst am Sonntagnachmittag, wurde im Attengärtli gespielt. Am liebsten spielte Clara Deutsch mit ihrer Puppe. Die Kleider nähte sie selber, denn Clara Deutsch ging gerne in die Nähschule. «Ich erhielt in diesem Fach immer die Bestnote sechs», erzählt sie und lacht. Besonders gut konnte sie Knopflöcher nähen. Nicht nur genäht hat sie gerne, auch gehäkelt und gestrickt hat sie viel. Den Puppenwagen hat Clara Deutsch mit ihrer Schwester Elsa geteilt. Jedoch besass sie ein eigenes Velo. «Ein Velo der Marke Amberg», erklärt die Seniorin, die sich einer bemerkenswerten geistigen Frische erfreuen darf.

An den Werktagen gab es keine freie Zeit; dann wurde nicht gespielt. Auf dem Bauernhof gab es immer etwas zu helfen. So ging Clara Deutsch jeweils am Morgen und am Abend mit dem Handwagen, auf dem zwei volle Milchtansen standen, nach Neugristen in die Käserei. Jeden Samstagnachmittag wurden mit dem Besen die Pflastersteine zwischen dem Wohnhaus und der Scheune gekehrt. «Diese Arbeit erledigten wir Kinder», erinnert sie sich. Am Samstag aber zog ein ganz besonderer Duft durch das Haus im Attengärtli – der Duft von frisch gebackenem Brot. «Dann nämlich hatte unsere Mutter Brot gebacken», erzählt Clara Deutsch und ergänzt, dass die Mutter für jedes Kind einen feinen Apfel in ein Stück Teig gewickelt hatte. So gab es am Samstagnachmittag immer frische Apfelweggen.

Eine kleine Giesskanne hatte die Mutter gekauft. «Damit konnte ich im Sommer die Blumen im Garten giessen.» Im Herbst halfen die Kinder bei der Obsternte mit. Gravensteiner, Boskoop und Berner Rosen wurden aufgelesen und sortiert. «Zur Belohnung gab es manchmal eine Schokolade, welche die Mutter aus dem Spezereiladen in Neukirch mitgebracht hatte», erzählt Clara Deutsch sichtlich erfreut und betont, dass man stets glücklich und zufrieden war.

Lyandra hilft gerne mit

Auch Lyandra Graden hilft gerne ihrer Mutter. Manchmal deckt sie den Tisch, hilft beim Aufräumen oder geht mit den Hunden Snowy und Lio spazieren. «Snowy, der Chihuahua-Mischling gehört mir, und Lio, der Papillon, gehört meiner Schwester Alisha», erklärt sie.

Für Lyandra ist nun die schönste Zeit im Jahr. Denn im Sommer zieht es sie oft in die Bischofszeller Badi. Dort springt sie bereits vom 3-Meter-Sprungturm. Das Mädchen kennt keine Angst vor dem Wasser. Die Bischofszellerin hat bereits sieben Schwimmkurse besucht. Kaltes Wasser mag sie vom Schwimmen nicht abhalten – Hauptsache, die Wasserratte kann ihre Freizeit in der Badi verbringen.

Bild: YVONNE ALDROVANDI-SCHLÄPFER

Bild: YVONNE ALDROVANDI-SCHLÄPFER